7 Gründe, warum Gruppentherapie so wertvoll ist

Gruppentherapie
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Ich bin vor kurzem einer Selbsthilfegruppe beigetreten und es hat mich zurück versetzt zu den Gruppentherapien in der psychosomatischen Klinik. Schnell wurde mir klar, warum ich Gruppentherapie als solches so zu schätzen weiß. Deshalb möchte ich in diesem Artikel sieben Aspekte vorstellen, die Gruppentherapie im Vergleich zu Einzeltherapie so besonders machen.
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1. Gleichgesinnte treffen

Der erste Punkt ist zwar fast selbsterklärend und logisch und doch kann er nicht genug hervorgehoben werden. Klar ist das der größte Ansporn, warum man in eine Gruppentherapie geht. Und ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, immer wieder in dieser Suche fündig und somit bestätigt zu werden. Man sucht Gleichgesinnte, man findet sie. Beispiel: Teilnehmer A sagt, er habe ein riesiges Problem mit der Angst vor [was auch immer]. Dann kommt Teilnehmer B um die Ecke und sagt: „Scheiße! Du auch? Und ich dachte, ich wäre der Einzige…“
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2. Von anderen lernen

Durch den unterschiedlichen Reichtum an Erfahrungen der Teilnehmer ist es automatisch gegeben, dass der eine auf einem Gebiet mehr erlebt hat als der andere und dies weitergeben kann, sodass der andere von dieser fremden Erfahrung profitieren kann. Das ist übrigens auch ein motivierender Aspekt, wenn man sich fragt, warum man eine negative Erfahrung machen musste: Vielleicht lag der Sinn darin, vorweg zu gehen, sodass ein anderer dieselbe leidvolle Erfahrung nicht nochmal machen muss.
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3. Reden können

Natürlich kann man sich auch in der Einzeltherapie den Schmerz von der Seele reden. Aber es macht für mich einen Unterschied, ob ich mir vor einem Therapeuten Luft mache oder vor Gleichgesinnten. Man lernt, sich auch vor Gleichgesinnten „ausheulen“ und „auskotzen“ zu können, sodass man im Alltag auch häufiger den Mut dazu findet, das anzusprechen, was einen emotional bewegt oder belastet. Und man muss dann nicht das wertvolle Kontingent an Einzelstunden in Gebrauch nehmen, das ja bei den meisten von uns sehr begrenzt ist.
Außerdem tut es natürlich auch gut, so viele Menschen zu haben, die einem zuhören und erlauben, mit den eigenen Problemen Raum einzunehmen. Doch gleiches Recht für alle! Wer spricht, muss natürlich auch zuhören können. Das bringt mich direkt zum nächsten Punkt…
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4. Zuhören lernen

Man lernt in der Gruppe unheimlich gut das Zuhören. Und dass das gar nicht so einfach ist, wurde mir selber vor zwei Jahren klar. Zuhören bedeutet nämlich wertfrei aufzunehmen, was der andere sagt, ohne zu urteilen und nach jedem Satz mit Ratschlägen dazwischen zu grätschen. Viele Menschen neigen auch dazu, zu unterbrechen, um Gemeinsamkeiten mit ihrer Geschichte aufzuzeigen und dann ausführlich darüber zu erzählen, indem sie das Ruder komplett an sich reißen. Aber so jemand ist nicht gedanklich bei der Geschichte des anderen. Zuhören bedeutet achtsam im Hier und Jetzt zu sein und mit seinem Einfühlungsvermögen und Mitgefühl voll beim anderen.
Es ist in der Tat eine Kunst, die richtige Balance zwischen beiden Komponenten zu finden – einerseits selber Raum einnehmen und andererseits dies dem Gegenüber auch zu erlauben.
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5. Zugehörigkeit

Zugehörigkeit ist ein nicht zu unterschätzender Faktor. Wir alle sehnen uns danach, dazu zu gehören. Und das Gefühl von Zugehörigkeit, das einem eine Gruppe gibt, kann einen unheimlich in der eigenen Kraft bestärken. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dieses Gefühl ein absoluter Depressions-Killer ist. Wie häufig habe ich es in der Klinik erlebt, dass die Therapeutin einen am Anfang der Stunde niedergeschlagenen Patienten fragte: „Na? Wie geht es Ihnen jetzt?“ Und meistens entgegnete der Patient: „Sehr viel besser als vorhin. Ich bin froh, dass ich überhaupt gekommen bin, weil ich heute Morgen so niedergeschlagen war, dass ich eigentlich gar nicht kommen wollte.“ Dieses Kollektivgefühl ist schon etwas Tolles. Und gute Therapeuten fördern es mit Ritualen zu Beginn und Ende der Gruppe.
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6. Selbstwert und die eigene Rolle in der Gruppe

Es geht nicht nur ums Dazugehören. Jeder ist, so wie er ist, wertvoll für die Gruppe. Das bedeutet also, dass jeder eine Rolle beziehungsweise Position in der Gruppe annimmt, was wiederum bewirkt, dass die Interaktion miteinander eine ganz bestimmte Dynamik annimmt. Wer den Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ kennt, weiß, wovon ich spreche. Da ist zum Beispiel einer, der schnell auf den Punkt kommt. Ein anderer ist sehr sensibel und nah am Wasser gebaut. Und wieder ein anderer verweigert sich der Gruppe oder geht auf Konfrontation. Letztlich dient es aber immer der Gruppe und den Einzelnen, weil wir lernen, mit diesen Anteilen umzugehen und sie zu integrieren. Denn meistens bedeutet „in die Gruppe integrieren“ auch „in mir integrieren“ (Zu diesem Thema empfehle ich meinen Artikel über die Archetypen in der Heldenreise).
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7. Spiegel

Letztlich sind wir alle für einander Spiegel. Wir ziehen genau die Menschen magisch an, die die selben Themen haben wie wir. Also entweder hat der andere genau das gleiche Problem oder aber er ist der Gegenpol beim entsprechenden Thema.
Eine kleine Anekdote dazu aus meiner Klinik-Zeit: In meiner ersten Gruppentherapie erzählte ich minutenlang, wie sehr mich meine Eltern nervten und dass ich eigentlich nichts mehr mit ihnen zu tun haben will. Dann fragte die Therapeutin ein paar andere Patienten in der Runde, was es mit ihnen machen würde, mich so reden zu hören. Da wurde mir schnell klar, dass sie die Gegenseite darstellten: Eltern, die keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern hatten und nicht mehr an sie heran kamen. Diese Stunde hat einiges in mir verändert und ich habe so etwas wie Mitgefühl und Verständnis gegenüber meinen Eltern entwickelt.
Auf der anderen Seite habe ich mich schon häufig dabei erwischt, dass ich über jemand anderen dachte: „Boah, der ist ja so [beliebige negative Charaktereigenschaft einfügen]!“ Nur um dann später bei längerem Nachdenken festzustellen: „Moment mal! Ich ticke in der Hinsicht auch nicht viel besser…“ Ja, Spiegel sind schon etwas Schönes auf dem Weg zur Selbsterkenntnis. Deshalb möchte ich diesen Text auch abschließen mit einem tollen Zitat von Lu-Chiu Yüan:

„Die Selbsterkenntnis ist die Quelle allen Wissens.“

Amen. 🙂

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