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Annette Hempel: Von Theologie über BWL zu Coaching und Supervision [Interview]

Annette Hempel

Annette Hempel ist Supervisorin und Coach. Ich habe mich mit ihr in ihrer Supervisionspraxis getroffen, um mit ihr darüber zu sprechen, was genau ein Coach und Supervisor beruflich macht und wie sie selber dazu gekommen ist. Thema des Interviews war auch ein Projekt über Hochsensibilität, das sie ins Leben gerufen hat.

Hallo, Annette. Du arbeitest ja als Coach und Supervisorin. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Therapeuten und einem Coach beziehungsweise Supervisor?

Das ist eine berechtigte Frage. Therapeuten arbeiten mit erkrankten Menschen; ich als Supervisorin und Coach arbeite mit gesunden Menschen. Die Methoden sind dennoch sehr ähnlich oder sogar manchmal gleich. Hinzu kommt, dass Therapeuten sehr oft in der Vergangenheit arbeiten, um Probleme herausarbeiten zu können. Ich selber tue das nur, wenn es um das Auflösen von festgefahrenen Mustern geht. Ansonsten schaue ich bei meiner Arbeit stark nach vorne und bin sehr lösungsorientiert – von daher auch der Name meiner Internetpräsenz „Lösungsdenker“. Mir liegt viel daran, dass jeder, der hier rausgeht, so etwas wie eine Erhellung hat, um seine Problemstellung mit einer neuen Idee angehen zu können.

Dann kann man zusammenfassen, dass die gemeinsame Schnittmenge beider Berufsbilder die Persönlichkeitsentwicklung des Klienten ist, oder?

Ja, wobei es bei Therapeuten nicht unbedingt immer um Persönlichkeitsentwicklung geht, sondern zum Teil um Gesundwerdung. Wenn man beispielsweise an traumatisierte Menschen denkt, dann geht es auch einfach darum, wieder lebensfähig zu werden. Nichtdestotrotz sind posttraumatische Belastungsstörungen auch ein Feld, auf das ich immer wieder stoße – zum Beispiel beim Thema Mobbing. Also, wenn Klienten auf der Arbeitsstelle von Mobbing betroffen sind, führt das zu einer Traumatisierung sowie einem kompletten Verlust des Selbstwertgefühls. Wenn Klienten mit solch einer Problemstellung zu mir kommen, dann arbeiten sie parallel auch immer mit einem Psychotherapeuten. Ziel meiner Arbeit ist es in diesem Fall, Fragen zu beantworten wie beispielsweise: „Wie stelle ich mich am Markt für Bewerber neu auf? Wie kann ich es schaffen, eine neue Stelle zu bekommen?“ Wenn ich mit erkrankten Personen zusammenarbeite, dann ist mein Teil der Arbeit, an Perspektiven zu arbeiten.

Gibt es Situationen, wo du mit vermeintlich gesunden Klienten zusammenarbeitest und sich dann im Verlauf herausstellt, dass eine zusätzliche parallele therapeutische Behandlung nötig ist?

Es kommt in der Tat vor, dass Menschen ins Einzelcoaching kommen und ich während des Coachings den Verdacht bekomme, dass die Personen zum Beispiel depressiv erkrankt sein können. Und dann liegt es in meiner Verantwortung, das anzusprechen. Auch wenn das für beide Seiten natürlich nicht angenehm ist. Aber ich finde, das sollte man als Coach trotzdem auf jeden Fall tun. Ich bitte dann darum, das abklären zu lassen und helfe bei der Terminfindung bei einem Therapeuten, der eine klare Diagnose stellen kann. Bisher bin ich diesbezüglich immer auf offene Ohren gestoßen. Was logischerweise auch eine Frage der Kommunikation ist.

Was ist die Grundlage deiner Arbeit? Sprich: Welche Aus- oder Weiterbildungen hast du gemacht?

Ich werde ja dieses Jahr 50 und habe deshalb auch schon ein bisschen Lebensweg hinter mir. Ursprünglich habe ich nach meinem Abitur evangelische Theologie studiert mit dem Ziel, Pfarrerin zu werden. Denn ich hatte im Konfirmations-Unterricht in meiner Gemeinde sehr tiefgreifende Erlebnisse gehabt. Auch wenn es pathetisch klingt: Ich hatte das Gefühl, Gott begegnet zu sein und wusste, dass das Teil meines Lebens sowie Berufslebens werden sollte. So habe ich dann auch in Mainz evangelische Theologie studiert. Leider hat sich während meines Studiums  die Stellensituation hier in der Kirche so verändert, dass nicht mehr alle Studierendennach ihrem Studium eine Vikariatsstelle, bzw. Pfarrstelle bekommen würden. Aus dieser Unsicherheit heraus habe ich das Studium nach der Hälfte tatsächlich abgebrochen. Danach stellte sich die Frage, was ich stattdessen tun kann. Da ich schon immer sehr gut im Organisieren, Strukturieren und Durchdenken bin, habe ich entschieden: „Jetzt studiere ich Betriebswirtschaft.“ Als ehemalige Theologie-Studentin war ich sozusagen der bunte Hund unter den BWLern. Und doch bin ich relativ schnell auf eine gemeinsame Schnittmenge gestoßen – ethisch ökologisches Wirtschaften. So habe ich in diesem Bereich auch meine Diplomarbeit geschrieben. Die Idee von nachhaltigen Produkten war damals in den 90ern noch relativ neu. Das Ganze ist ein Teil der Betriebswirtschaft, der mich bis heute interessiert.

„Ich hatte im Konfirmations-Unterricht in meiner Gemeinde sehr tiefgreifende Erlebnisse gehabt. Auch wenn es pathetisch klingt: Ich hatte das Gefühl, Gott begegnet zu sein und wusste, dass das Teil meines Lebens sowie Berufslebens werden sollte.“

Wie ging es weiter?

Nach dem BWL-Studium habe ich ganz klassisch in den Bereichen Sales und Marketing gearbeitet. Ich war in einer Unternehmensberatung, ich war kaufmännische Leiterin und habe mich auf dieser Stelle auch mit Personalfragen beschäftigt. Einer meiner Aufgaben in der Unternehmensberatung war,  internes Coaching  anzubieten und durchzuführen.

Ich springe zeitlich mal wieder zurück: Ich hatte mit kurz vor 40 einen Unfall, bei dem es um Tod und Leben ging. Danach war es für mich wichtig, zu schauen, wo ich stehe und was ich ursprünglich einmal wollte. Und dabei habe ich festgestellt, dass ich Teile von dem, was ich mal machen wollte, nämlich die Begleitung von Menschen, nicht mehr in meinem Berufsleben hatte. Deshalb wollte ich das wieder zurück in mein Leben holen und habe nach einer Ausbildung geschaut, die mir dies ermöglicht: Ich studierte Coaching und Supervision an der Hochschule Fulda.

Hast du diesen Punkt mit 40 als einen radikalen Schnitt in deinem Leben erlebt?

Bei mir war es kein radikaler Schnitt, sondern eher ein Integrationsprozess. Ich habe geschaut, wie ich die fehlende Komponente wieder in mein Leben hineinbekomme. Mir kam zugute, dass man im Studium relativ schnell loslegen musste mit Supervisionen und Coachings. Ich habe eine ganze Weile halbtags gearbeitet und parallel dazu Supervision und Coaching aufgebaut. Seit drei Jahren arbeite ich hauptberuflich als Supervisorin und Coach. Nachdem die Anfragen immer mehr wurden, habe ich mich mutig von meinem Angestellten-Job verabschiedet.

„Bei mir war es kein radikaler Schnitt, sondern eher ein Integrationsprozess. Ich habe geschaut, wie ich die fehlende Komponente wieder in mein Leben hineinbekomme.“

Du arbeitest ja sowohl online als auch offline mit deinen Klienten. Ich persönlich tue mich schwer damit, virtuell mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Wie nimmst du das wahr in deiner Arbeit?

Also Telefoncoaching mache ich zum Beispiel nicht, weil ich da nur auf mein Gehör reduziert bin. Ansonsten finde ich Onlinecoaching dann gut, wenn man sich auch wirklich sehen kann und ich per Kamera zusätzlich die Mimik und die Gestik zu dem gesprochenen Wort habe. Dann kann ich gut mit den Personen arbeiten. Im Vergleich zur Arbeit vor Ort hier in diesem Raum habe ich online natürlich nicht so viele physische Werkzeuge wie beispielsweise ein Flipchart. Trotzdem haben die Teilnehmer online meistens ein Blatt Papier vor sich, auf das sie Dinge aufschreiben können. Online kann ich per Software auf eine andere Art Dinge visualisieren als vor Ort. Von daher ist es eine andere Art von Coaching, aber eine, die trotzdem funktioniert. Meine Teilnehmer erzählen mir immer, dass sie gut vorankommen.

Wie sieht dein durchschnittlicher Klient aus?

Also, die Leute, die zu mir kommen, haben immer einen Leidensdruck. Sie haben eine Aufgabe, die sie alleine gar nicht oder nicht so schnell lösen können. Oft sind es Anliegen aus dem beruflichen Bereich beispielsweise im Bezug auf neue Karriereschritte. Es geht aber auch um Probleme mit dem Vorgesetzten oder Kollegen. Seltener sind es Anliegen aus dem privaten Umfeld, wo es dann um Freundeskreise oder Hobbys geht sowie der Integration zwischen Berufsleben und Privatleben. Ein großer Teil meiner Arbeit sind die Supervisionen oder Coachings, die von Unternehmen und Organisationen für ihre Mitarbeiter veranlasst werden. Da geht es dann meistens um die Entwicklung von Führungskräften.

Der wesentliche Unterschied zwischen Coaching und Supervision ist, dass bei Letzterem der Prozessgedanke überwiegt. Bei den Team-Supervisionen geht es darum, die Arbeit mit und am Menschen zu reflektieren.

Zusammengefasst kann man sagen, dass die Menschen, die zu mir kommen, auf der Suche nach einer Lösung für ein Problem sind. Denn oft sieht man alleine nicht alle Aspekte eines Problems oder einer Lösung. Die Befragung eines „Zweithirns“ – wie ich es nenne – liefert zusätzliche Lebenserfahrung.

Ein weiteres spannendes Projekt von dir ist das Zentrum für Hochsensibilität. Was genau verbirgt sich dahinter?

Bei mir ist es so, dass ich während meiner Ausbildung in Fulda festgestellt habe, dass ich hochsensibel bin. Ich habe damals einen Artikel gelesen, in dem ich mich extrem wiedergefunden habe. Da fing meine Forschungsreise zum Thema Hochsensibilität an. Außerdem entstand bei mir der Wunsch, diese Thematik mehr in meine Arbeit als Coach zu integrieren. Daraus ist das Projekt „Zentrum für Hochsensibilität“ entstanden, das vor allem ein Ort der Begegnung ist – sowohl virtuell als auch hier vor Ort. In meinen Räumlichkeiten finden unter anderem Gesprächskreise und Vorträge statt; online biete ich unter anderem Webinare an. Es geht mir um Begegnung und die Möglichkeit, dass Hochsensible andere hochsensible Menschen treffen. Denn der Wunsch nach Austausch mit anderen Hochsensiblen ist häufig sehr groß.

Es ist mir ebenfalls wichtig, zu sagen, dass ich nicht alleine hinter diesem Projekt stecke. Auch andere Leute wie Brigitte Küster bieten mit mir zusammen Online-Kurse an. Mit Ulrike Hensel habe ich eine Webinar-Reihe. Und mit Claudia Simon habe ich beispielsweise schon über Task-Management gesprochen. Deshalb freue ich mich immer über Input von außen – also von Fachpersonen, die sich mit Hochsensibilität beschäftigen, um einfach eine Plattform zu dem Thema anzubieten. Es geht bei diesem Projekt also auch sehr viel um Vernetzung.

„Es geht mir um Begegnung und die Möglichkeit, dass Hochsensible andere hochsensible Menschen treffen. Denn der Wunsch nach Austausch mit anderen Hochsensiblen ist häufig sehr groß.“

Wie ist Hochsensibilität denn eigentlich definiert?

Es gibt von Elaine Aron vier Kriterien der Hochsensibilität. Darin ist die Definition praktisch festgelegt. Aron hat Hochsensibilität als Veranlagung beziehungsweise psychisches Phänomen beschrieben. Es ist keine Krankheit! Die vier Kriterien sind emotionale Intensität, Übererregbarkeit, gründliche Inforationsverarbeitung sowie sensorische Empfindlichkeit. Hochsensiblen Menschen fällt es deshalb leicht, mit anderen mitzufühlen. Mein Lieblingswitz von Hochsensiblen ist folgender: Treffen sich zwei Hochsensible. Sagt der eine zum anderen: „Dir geht’s gut. Und wie geht’s mir?“

Aus der gründlichen Informationsverarbeitung ergibt sich auch, dass Hochsensible gut in Berufe passen, in denen man viel denkt und analytisch arbeitet.

Generell sind bei Hochsensiblen die Filter im Gehirn bei der Informationsverarbeitung der Sinne sehr großmaschig. Dadurch kommen sehr viele Reize an, was schnell zu einer Überlastung führen kann.

Ist es denn so, dass diese vier Kriterien bei jedem Hochsensiblen unterschiedlich stark ausgeprägt sind? Sprich: Der eine reagiert mehr auf elektromagnetische Strahlung, während der andere mehr ein Thema mit Lärm hat…

Ja, hochsensibel ist man zunächst, sobald man diese vier Kriterien erfüllt. Es ist durchaus denkbar, dass es unterschiedlich starke Ausprägungen gibt. Wird jedoch eines der vier Kriterien nicht erfüllt, gilt die Person laut Definition nicht als hochsensibel.

Ein weiterer Aspekt, den ich gerne in meinen Gruppen erzähle, ist folgender: Auch wenn wir hier alle hochsensibel sind, so sind wir charakterlich trotzdem vollkommen unterschiedlich. Es ist nicht so, wenn ich einen Hochsensiblen treffe, dass er zu 100% eine Blaupause von mir ist. Deshalb erarbeite ich mit den Leuten gerne, was sie außer ihrer Hochsensibilität charakterlich sonst noch ausmacht.

Wie sieht es mit der Geschlechter-Verteilung in puncto Hochsensibilität aus?

Zunächst einmal sind 10 bis 20 Prozent der Menschen hochsensibel. Aber ich glaube nicht, dass Frauen eher hochsensibel sind als Männer. Was ich aber beobachte, ist, dass Frauen offener mit ihrer Hochsensibilität umgehen. Ich denke, das liegt daran, dass es in unserer Gesellschaft für Frauen einfacher ist, sich zuzugestehen, sensible Seiten zu haben. Es ist schließlich ein Prozess, seine Sensibilität festzustellen und in sein Leben zu integrieren.

Aber nach Definition kann eine Hochsensibilität nicht durch einen therapeutischen Prozess erst entstehen? Denn da geht es ja häufig auch darum, Zugang zu seinen Gefühlen zu bekommen…

Es gibt zumindest eine sogenannte vulnerable Hochsensibilität. Diese ist erworben und kann durch Traumatisierungen entstehen. Dass sich eine Hochsensibilität entwickelt aus Reflexionsarbeit, ist mir nicht bekannt.

Ich danke dir für dieses Interview und die vielen Einblicke, die du mir gewährt hast!

Weitere Informationen zu Annette Hempel und ihren Angeboten finden sich auf ihrer Webseite www.loesungsdenker.com. Das Zentrum für Hochsensibilität findet sich unter www.zentrum-hochsensibilitaet.de.


Annette Hempel hat außerdem an dem Buch „Chefsache Zukunft“ mitgewirkt*. Dieses beleuchtet Themen, die im Jahr 2030 große Relevanz bekommen werden. Ihr Kapitel beschäftigt sich mit ethischer Unternehmenskultur. 

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