Mein Leben

Bin ich ein alleingeborener Zwilling?

Kind auf Schienen

Zum ersten Mal aufgetaucht ist diese Thematik für mich vor drei Jahren, als meine Therapeutin sie in der Einzeltherapie ansprach. Danach ist das Thema lange Zeit abgetaucht, bis es vor kurzem wieder aktuell wurde in meinem Leben. Doch worum geht es überhaupt?
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Was ist ein alleingeborener Zwilling?

Es war vor etwa 3 Jahren in der Einzeltherapie, als ich über meine Beziehungsunfähigkeit sprach und meine Therapeutin eine gemeine Frage stellte. Gemein deshalb, weil sie mich emotional überraschenderweise vollkommen umhaute. Sie fragte: „Kann es sein, dass du im Mutterleib noch einen Zwilling hattest?“ Obwohl ich mich vom Verstand her an überhaupt nichts erinnern konnte, musste ich plötzlich tierisch anfangen zu weinen. Ich konnte mir das nicht erklären. Sie musste irgendeinen wunden Punkt getroffen haben. Fortan sah ich es als sehr wahrscheinlich an, dass ich im Mutterleib einen Zwilling verloren habe noch vor der Geburt. Diesen Zwilling hat meine Mutter also verloren, während sie mich später zur Welt bringen konnte – so die Theorie. Ich sprach das Thema auch mit meinen Eltern an; allerdings konnten beide nichts derartiges bestätigen. Was wiederum trotzdem nicht bedeutete, dass nichts dran war an der Theorie. Und doch rückte das Thema mehr und mehr in den Hintergrund, je mehr Zeit verging.
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Plötzlich ist das Thema wieder aktuell

Zwei Aspekte haben das Thema wieder zur Oberfläche gebracht. Zum einen befinde ich mich aktuell auf Partnersuche und habe deshalb wieder an das Thema denken müssen. Zum anderen bin ich durch Zufall durch einen E-Mail Newsletter noch einmal über diesen Begriff gestolpert. Als ich dann „allein geborener Zwilling“ gegoogelt habe, bin ich auf einen Selbsttest gestoßen, der mich neugierig gemacht hat. Ich habe ihn natürlich sofort ausprobiert und habe festgestellt: Scheiße, das trifft zu 80% auf mich zu!
Außerdem war ich auf der Suche nach einer Erklärung für meine chronische Trauer, die seit Jahresbeginn wieder sehr stark geworden ist. Immer wieder habe ich das Gefühl, dass da ein großer Verlust ist, den ich aber nicht erklären kann. Als wenn ein geliebter Mensch gegangen wäre…
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Was sind die Anzeichen?

Folgende Aspekte des Selbsttests trafen volle Kanne auf mich zu:

  • Beziehungsmuster des Alleinseins: Der wichtigste Punkt ist für mich die Tatsache, dass ich so lange ohne Partnerschaft geblieben bin, weil es nie richtig gepasst hat. Ich war immer auf der Suche nach jemanden, den ich einfach nicht finden konnte.
  • Wunsch nach symbiotischer Nähe: Ich merke das immer auf Kuschelpartys. Da kommt dann so ein Gefühl auf, als sei ich „komplett“, wenn ich mit jemand anderem verschmelze.
  • Harmoniesucht: Ich kann mich einfach nicht mit anderen Menschen streiten.
  • Leistungsdruck: Ich habe mein Leben immer so gelebt, als müsse ich alles für zwei Leben erledigen und erleben.

Aber das sind nur ein paar von vielen Anzeichen. Wobei es trotzdem auch nur Hinweise und natürlich keine Belege sind.
Fakt jedoch ist, dass das Phänomen des alleingeborenen Zwillings sehr viel weiter verbreitet ist, als man glaubt. Angeblich ist mindestens jede zehnte(!) Schwangerschaft betroffen. Das hat mir meine Therapeutin immer wieder bestätigt, da sie im Bezug auf weitere Klienten aus eigener Erfahrung sprechen kann.
Auch wurden mittlerweile diverse Bücher veröffentlicht, die sich mit genau dieser Thematik beschäftigen.
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Der Trauer ein Gesicht geben

Wenn ich jetzt eine Trauer verspüre, dann kann ich sie klar zuordnen zu diesem Zwillingsverlust, was sich schon ein wenig besser anfühlt als diese undefinierte Trauer. Ich hoffe, dass diese Wunde dadurch dann auch besser heilen kann. Außerdem denke ich, dass es hilft, diese Trauer mit bestimmten Ritualen zu verarbeiten. Diese Erfahrung habe ich häufig schon bei Familienaufstellungen gemacht, da es dort auch häufig um Verstorbene geht und um die Trauer, die dann gelebt werden darf. Deshalb werde ich diesem Zwilling auch einen Namen geben und einen Baum im Wald aufsuchen, der für mich fortan das Grab symbolisiert, sodass ich immer mal wieder „Kontakt aufnehmen“ kann.

Zusätzlich werde ich auch noch mal mit meinen Eltern und meinem Bruder über die Thematik reden, denn es ist in gewisser Weise schon so, dass ich sagen möchte: „Ich bin mir sicher, dass da noch jemand war. Normalerweise wären wir drei Kinder gewesen.“ So hoffe ich, dass alles in meinem Familiensystem an seinen Platz und somit zur Ruhe kommt.

Der Krisenwandler ist auch auf Facebook und bei Twitter sowie Instagram zu finden.

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