Brauchen wir nicht doch Anerkennung von außen?

Anerkennung
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Was für eine provokante Frage! Vor Kurzem noch hätte ich diese mit einem entschiedenen ‚Nein‘ beantwortet, denn wie oft habe ich schon im therapeutischen Kontext gehört, dass wir uns die Anerkennung selbst geben müssen. Eine Unterhaltung mit einer Freundin hat mich dazu gebracht, diese Haltung zu überdenken.

Ich selbst bin ein Mensch, der lange mit dem Glaubenssatz gelebt hat „Ich bin es nur dann wert, geliebt zu werden, wenn ich etwas leiste“ – sei es in Form von sportlichem, schulischem oder beruflichem Erfolg. Es ist ein uralter Glaubenssatz, den ich sozusagen von meiner Mutter „übernommen“ habe. Auch sie musste sich tot ackern, um ihr Minderwertigkeitsgefühl zu überdecken.

Mittlerweile habe ich dieses Muster hinter mir gelassen (behaupte ich einfach mal), nachdem ich in den letzten Jahren meinen Lebensstil sehr stark hinterfragt habe, was schon vor den zahlreichen Therapiestunden anfing. Zwei wesentliche Gedanken bekam ich therapeutisch immer wieder vermittelt:
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1. Ich bin es wert, geliebt zu werden – ohne Bedingung und ohne Preis.

Das heißt, ich muss es mir nicht erarbeiten, sondern es ist praktisch schon von Anfang an gegeben, ohne dass ich etwas dafür tun muss. Meine Traumatherapeutin Frau M aus der Klinik brachte mich damals zum Weinen, als sie mir sagte: „Das Leben ist ein Geschenk. Sie sind auch ein Geschenk.“ Es hat etwas gedauert, bis ich mich mit diesem Gedanken anfreunden konnte, aber es hat geklappt. Und dieser Gedankengang macht für mich auch absolut Sinn. Denn ein Baby, das auf die Welt kommt, kann ja zunächst auch nur nehmen und nichts geben und verdient es trotzdem, von seinen Eltern geliebt zu werden.
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2. Wir können uns Anerkennung nur selbst geben. Wenn wir immer nur im Außen nach Wertschätzung suchen, werden wir sie uns trotzdem selbst nie geben.

Ach ja??? Wenn ich so zurückdenke und überlege, was passiert ist, dass aus dem sich aufopfernden Didi ein gelassener Didi geworden ist, der sich seiner inneren Werte bewusst ist, dann muss ich sagen: Diese Behauptung stimmt so nicht! Man macht es sich mit diesem Gedankengang zu einfach, da es in der Realität viel komplexer abläuft. Zumindest bei mir.

Als ich mich damals vor ein paar Jahren gefragt habe, was mich als Menschen besonders macht, wenn es denn nicht meine Leistungen sind, bin ich zu dem Schluss gekommen: „OK, es müssen irgendwelche innereren Werte sein. Aber welche das sind, kann ich nur herausfinden, wenn ich bewusst Interaktion mit anderen Menschen suche, mich dabei selbst beobachte und mich danach frage, was das Beisammensein so wertvoll gemacht hat. Welchen Anteil hatte ich daran, dass wir eine so schöne Zeit miteinander verbracht haben an dem Morgen/Nachmittag/Abend?“ Und in den meisten Fällen kam die Antwort auf diese Frage nicht aus meinem Inneren, sondern vom Gegenüber. Durch ein Kompliment. Vielleicht womöglich durch mehrere Komplimente. Und manchmal war ich dabei sogar erstaunt, Dinge über mich zu hören, denen ich mir gar nicht bewusst war. Schöne Dinge. Der oder die andere hat mich erst darauf hingewiesen und mir geholfen, es zu entdecken. In anderen Fällen hat es ein Kompliment gar nicht gebraucht. Da hat es schon gereicht, dass mir mein Gegenüber nonverbal zu verstehen und fühlen gab, dass er mich mag. Der andere ließ mich seine Wertschätzung spüren.

Erst durch diese Impulse von außen habe ich entweder eine Bestätigung für bestimmte Charakterstärken von mir bekommen oder aber sogar neue Seiten an mir entdeckt, die ich zuvor gar nicht kannte. Diese Anerkennung von außen war also der initiale erste Schritt dafür, dass ich in den Spiegel schauen konnte, um zu sagen: „Das bin ich!“ Und zwar mit einem guten Gefühl. Mit einer großen Portion Selbstliebe.
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Fazit

Die Erkenntnis für mich war, dass ich seitdem bewusst die Menschen und Freundeskreise aufsuche (und auch „pflege“), wo ich diese tiefe Wertschätzung zu spüren bekomme, weil es mir hilft, an meinem positiven Selbstbild festhalten zu können. Denn ich habe auch schon gemerkt, dass wenn ich zu lange im falschen Umfeld bin, mein Selbstbild auch wieder kippen kann. Dann fange ich plötzlich an zu glauben, dass ich wirklich der verrückte Spinner bin, den diese Menschen in mir sehen.

Von daher denke ich, dass es durchaus ein Akt der Selbstliebe ist, sich mit den Menschen zu umgeben, die einem gut tun. Welche das sind, muss jeder für sich selbst herausfinden. Leider besteht dabei auch immer die Gefahr, dass man bei diesem Testen auf Menschen stößt, die einem so gar nicht gut tun. Und was ebenfalls passieren kann: Das Blatt kann sich wenden. In beide Richtungen. Zum Glück habe ich allerdings häufiger die Erfahrung gemacht, dass aus Menschen, die mir gar nicht gut taten, welche geworden sind, die mir gut tun. Weil sie mich für meine inneren Werte zu schätzen gelernt haben. Und das deshalb, weil ich mir selbst meiner inneren Werte bewusst bin und das auch ausstrahle. Und dies wiederum ist etwas, das ich jedem von Herzen wünsche!

Der Krisenwandler ist auch auf Facebook und bei Twitter sowie Instagram zu finden.

 

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