Das kleine Chamäleon [Kurzgeschichte]

Kurzgeschichte
Bildquelle: pixabay.com

Es war einmal ein kleines Chamäleon, das lebte mit seinen Eltern zusammen in einem schönen großen Haus. Das kleine Chamäleon hatte eine ganz bunte Haut in allen Farben. Nur auf der linken Brust, dort wo darunter sein Herz sitzt, da hatte es das Symbol einer Gitarre.

Es fühlte sich eigentlich wohl, so wie es war. Es liebte das Gitarrespielen. Es gab nichts auf dieser Welt, das das kleine Chamäleon mit einer größeren Leidenschaft tat, als Gitarre zu spielen. Es spielte, weil es so wahnsinnig viel Spaß machte. Nicht wegen irgendeinem Nutzen, sondern einfach weil es Spaß machte.

Am Tage vor der Einschulung sagten seine Eltern zu ihm: „Vergiss‘ niemals, du bist ein Chamäleon! Dich anzupassen ist deine größte Gabe. Es ist das größte Geschenk, das uns Gott gegeben hat.“ In der anschließenden Nacht konnte das kleine Chamäleon nur sehr schlecht schlafen, weil es die ganze Zeit überlegte, wie wohl die anderen seien. Von einem Bekannten der Familie hatte es mal gehört, dass heutzutage jeder rot trägt und gerne Fußball spielt. Es war verunsichert. Einerseits mochte es eigentlich gar kein Rot, aber andererseits wollte es in der Schule auch Freunde finden. Da beschloss es, sich rot zu verfärben. Am nächsten Tag in der Schule war es ganz froh, denn es gab tatsächlich keine bunten Chamäleons dort. Wohl aber traf es ein rotes Chamäleon und fragte es: „Spielst du auch so gerne Fußball wie ich?“ „Ja“, erwiderte das andere Chamäleon und sie wurden Freunde.

Eines Tages, als das kleine Chamäleon Zeitung las, erfuhr es, dass jetzt weiß ganz angesagt sein soll, weil es einfach jeder trägt. Und dass man gerne Fernsehen guckt. Wieder konnte das Chamäleon in der darauf folgenden Nacht nur sehr schwer schlafen. Sollte es sich weiß verfärben, um viele neue Freunde zu finden? Sollte es riskieren, dass es sich von seinem einzigen Freund entfremdet? Wieder gab das kleine Chamäleon nach und passte sich der Masse an. Schließlich hatte es ja noch die Worte seiner Eltern im Kopf. Am nächsten Tag in der Schule war es überrascht, dass sein bisher einziger Freund jetzt auch weiß war. Doch nicht nur das: Sie fanden auch schnell zwei weitere weiße Chamäleons und die vier freundeten sich an. „Wollen wir Fußball spielen?“, fragte einer. „Nein“, antwortete das kleine Chamäleon. „Ich will lieber Fernsehen.“ Bei sich dachte es: „Eigentlich habe ich keine Lust auf Fernsehen. Sogar noch weniger als auf Fußball. Aber ich will meine Freunde auch nicht verlieren.“ So verabredeten sich die vier also am Nachmittag zum Fernsehen. Dort lief eine Sendung, in der erzählt wurde, dass heutzutage alle Chamäleons grau wären und keine Hobbies hätten. Man konnte die Verunsicherung der vier Freunde deutlich spüren. Jeder schien zu überlegen, ob er seine Farbe verändern soll. Beim kleinen Chamäleon hielt die Verunsicherung bis abends an und es konnte wieder nur sehr schlecht schlafen. Aber es hatte immer noch die Worte seiner Eltern im Ohr und entschied sich deshalb dafür, sich grau zu verfärben. Am nächsten Tag, als es in die Schule kam, war es noch überraschter als zuvor. Jedes Chamäleon war auf einmal grau. So hatte es große Schwierigkeiten, seine drei Freunde wieder zu finden. Letztlich fanden sich die Freunde jedoch wieder. Verunsichert standen sie da und blickten sich um. Keiner traute sich zu fragen, was man unternehmen soll, denn schließlich hatte man ja angeblich keine Hobbies. Und so standen sie eine Weile da und starrten auf den Boden aus Langeweile. Da wurde es dem kleinen Chamäleon zu bunt und es wurde wieder bunt. „Wisst ihr was“, gestand es den anderen, „eigentlich will ich gar nicht herumstehen und nichts tun. Eigentlich will ich auch gar nicht grau sein, weil ich eigentlich gar nicht grau bin. Eigentlich bin ich bunt und habe eine Gitarre auf dem Herzen.“ Die anderen blickten es verwundert an. „Was ist mit euch?“, fragte es die anderen. „Welche Farbe hattet ihr denn am Anfang mal?“ Stille. Schweigen. Da sprach das erste seiner Freunde: „Ich war auch mal bunt – mit einem Mikrofon auf dem Herzen.“ Wieder Stille. Da sprach das Dritte: „Also ich war auch mal bunt – mit einem Klavier auf dem Herzen.“ Lachend entgegnete das vierte: „Unglaublich! Ich war auch mal bunt. Mit einem Schlagzeug auf dem Herzen.“ Da mussten alle herzlich lachen und sie nahmen wieder ihre ursprüngliche Form an.

Am Abend ging das kleine Chamäleon zu seinen Eltern und sprach: „Mama, Papa, ihr hattet Unrecht. Meine Anpassungsgabe ist nicht meine größte Gabe. Sondern meine bunte Haut und meine Fähigkeit, Gitarre zu spielen. Das ist meine Gabe, mein Geschenk des Himmels. Denn das ist, wer ich bin.“ Noch während die Eltern halb erstaunt und halb irritiert da standen, drückte das kleine Chamäleon ihnen zwei Karten in die Hand und sagte: „Bitteschön! Das sind zwei Tickets für das Konzert meiner Band morgen Abend. Ihr seid herzlich eingeladen.“

Dies ist das Ende der Geschichte. Mittlerweile gibt es aber noch eine Extended Version beziehungsweise einen Director’s Cut (wie auch immer man es nennen mag) mit einem alternativen Ende. In diesem sieht man die vier aus der Band auf der Bühne spielen, während das gesamte Publikum inklusive Eltern mitsingt. Und zwar zu diesem Song:

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