Der Begriff Heldenreise in Film und Psychotherapie (1)

Heldenreise
Bildquelle: pixabay.com

Eigentlich habe ich mich vor Kurzem nur deshalb wieder mit dem Thema Heldenreise (englisch: Hero’s Journey) beschäftigt, weil es Teil meines Studiums war und zudem ein spannendes Thema darstellt. Das zum Thema zugehörige Buch gilt als Pflichtlektüre für Kreativschaffende – vor allem für Schreiber und Geschichtenerzähler. So wie ich eben einer bin. Als ich das besagte Buch die Tage online bestellte und etwas darin herumblätterte, wurde mir klar, dass es hier nicht nur um Geschichten und Filme ging, sondern um fundamentale Dinge des Lebens. Und auch ein bisschen um psychotherapeutisches Zeug.
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Joseph Campbell und Heldenreise

Zunächst einmal möchte ich den Begriff der Heldenreise und seinen Hintergrund erklären: Mitte des 20. Jahrhunderts untersuchte der Mythenforscher Joseph Campbell tausende von Geschichten, um festzustellen, dass diese alle einem bestimmten Muster folgen, das er Heldenreise nannte. Er schrieb dazu ein Buch mit dem Titel „The Hero with a Thousand Faces“ (deutscher Titel: „Der Heros in tausend Gestalten“). In den 1990er Jahren griff der amerikanische Drehbuchautor Christopher Vogler diese Ideen nochmals auf und bezog sie auf Filme. Sein Buch „The Writer’s Journey“ (deutscher Titel: „Die Odyssee des Drehbuchschreibers“) gilt als Standardwerk für alle Drehbuchautoren.
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Das Muster der Heldenreise

Bei der Heldenreise durchläuft der Protagonist einen Zyklus aus 12 Schritten, der ihn zwischenzeitlich in eine andere Welt führt und ihn als gereifte Persönlichkeit in seinen Alltag zurückkehren lässt. Er hat dabei also nicht nur eine Geschichte erlebt, sondern hat dadurch auch eine Transformation durchlaufen, die ihn erst zum Helden macht.

Wow! Klingt das nicht nach einem universellen Muster für unser aller Leben? Ich jedenfalls muss bei diesen Ausführungen spontan an meine Lebenskrise denken, aus der ich als gestärkte Person hervorgegangen bin. (Ich hoffe, das klingt nicht zu eingebildet.)
Die 12 Etappen, aus denen sich die Heldenreise zusammensetzt, sind die folgenden:

  1. Die normale Welt: Hier wird die Situation des Protagonisten gezeigt, die unbefriedigend ist und förmlich nach Veränderung schreit.
  2. Der Ruf zum Abenteuer: Der Protagonist erhält die Chance, aus dieser Welt auszubrechen, was jedoch mit einem Wagnis verbunden ist.
  3. Verweigerung des Rufs: Der Protagonist zögert, das Abenteuer anzunehmen, da seine Ängste und Zweifel ihn zurückhalten.
  4. Begegnung mit dem Mentor: Es bedarf des Einwirkens einer weisen Figur, die den Protagonisten letztlich davon überzeugt, das Abenteuer anzunehmen.
  5. Überschreiten der ersten Schwelle: Der Protagonist nimmt das Abenteuer an und ab jetzt gibt es kein Zurück mehr.
  6. Die erste Bewährungsprobe: Der Protagonist wird erstmals auf seine Fähigkeiten getestet.
  7. Das Treffen auf den Gegner: Der Protagonist sieht sich seinem Antagonisten gegenüber.
  8. Die Feuerprobe: Der Protagonist hat den Tiefpunkt seiner Reise erreicht und steht bildlich gesprochen mit dem Rücken zur Wand.
  9. Die Belohnung: Der Protagonist hat die Feuerprobe bestanden und wird dafür belohnt. Dies muss nicht zwangsläufig eine materielle Belohnung sein.
  10. Heimweg und Auferstehung: Der Protagonist kehrt zurück.
  11. Transformation: Nichts ist mehr, wie es war.
  12. Ankunft: Der Protagonist hat durch das Bestehen des Abenteuers sich selbst, aber auch seine Welt verändert.

Um es mit den Worten von Campbell zusammenzufassen:

„Wir müssen bereit sein, uns von dem Leben zu lösen, das wir geplant haben, damit wir das Leben finden, das auf uns wartet.“
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Meine persönliche Heldenreise

Wenn ich mir diese 12 Phasen so anschaue, kann ich gar nicht anders, als Querbezüge zu meinem eigenen Leben herzustellen. Einerseits sehe ich meine gesamte Lebenskrise als eine Heldenreise. Andererseits sehe ich auch jede einzelne Herausforderung dieser Lebenskrise als eine kleine Heldenreise innerhalb der großen Heldenreise.
Einige Beispiele:
a) Meine von Müdigkeit geprägte Lebenssituation hat mich damals fertig gemacht. Das war Phase eins meines Abenteuers, nämlich die (unbefriedigende) normale Welt.
b) Dass ich mir lange Zeit nicht eingestanden habe, seelisch krank zu sein, passt zu Phase drei (Verweigerung des Rufs).
c) Als ich mich in die psychosomatische Klinik begeben habe, gab es kein Zurück mehr. Mein Leben sollte sich damit grundlegend verändern. Ganz klar Phase fünf (Überschreiten der ersten Schwelle).

Was ich damit also schildern möchte, ist, dass Tiefpunkte das normalste der Welt sind – so dramatisch diese manchmal auch daher kommen mögen. Und dass wir alle Helden in unserem Leben sind. Oder zumindest die Chance haben, welche zu werden, wenn wir dem Ruf des Abenteuers folgen. Dem Ruf nach Veränderung. Aber klar: Dies ist auch immer verbunden mit einer Herausforderung und natürlich nicht einfach. Es verlangt Mut, sich seinen Ängsten zu stellen. Trotzdem winkt am Ende für diesen Mut auch eine Belohnung.

Zudem muss ich anfügen, dass mir diese Sichtweise meinen Umgang mit meiner Depression enorm erleichtert hat. Die Vorstellung, dass alles ein Abenteuer ist, hat einerseits eine sehr spielerische Komponente und nimmt dadurch der Depression so ein bisschen ihre Macht. Die Vorstellung, durch das Bestehen meines persönlichen Abenteuers zu einem Helden zu werden, ist ein unglaublicher Antrieb für mich. Andererseits führt es mir vor Augen, dass jeder Mensch vor unglaubliche Herausforderungen gestellt wird in seinem Leben und ich daher nicht der einzige bin, der so einen harten und steinigen Weg gehen muss.
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Fazit

In diesem Sinne möchte ich jeden dazu anregen, sich selbst einmal als Held oder Heldin des eigenen Lebens zu betrachten und sich die Fragen zu stellen: Wo bin ich mit meinem Leben nicht zufrieden? Wo habe ich die Chance, mein Leben zu verändern? Wo habe ich diese Chance genutzt? Und wo stehen mir meine Ängste und Zweifel im Weg?

Im nächsten Teil werde ich auf die verschiedenen Archetypen der Heldenreise eingehen und zeigen, wie man dieses Wissen therapeutisch nutzen kann.
Wer sich genau so wie ich für Filme begeistert und ein paar Beispiele der Heldenreise in berühmten Blockbustern gezeigt bekommen möchte, dem empfehle ich dieses Video von YouTuber Robert Hofmann:

Der Krisenwandler ist auch auf Facebook und bei Twitter sowie Instagram zu finden.

 

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