Der Entfesselungskünstler [Kurzgeschichte]

Kurzgeschichte
Bildquelle: pixabay.com

Er war so sehr mit dem Leben der anderen beschäftigt, dass er gar nicht mitbekam, wie ihm geschah. Ehe er sich versehen konnte, fand er sich wieder – regungslos, bewegungsunfähig und ohnmächtig.

Völlig unbemerkt hatte sich ein dickes Seil um seinen Körper geschlungen und mehrere dicke und feste Knoten gebildet. Richtig eng zugeschnürt. Er versuchte alles, um sich selber zu befreien, aber es half nichts. Ihm fehlten einfach die Werkzeuge, sodass er nicht einmal in der Lage war, einen der vielen Knoten auf zu bekommen. Zum Glück kam ein alter weiser Mann vorbei, der ihm eine Schere anbot. Er nahm die Schere des alten Mannes dankend an und konnte damit einen Knoten aufschneiden. Sein erstes Gefühl war, dass DER Knoten endlich geplatzt sei. Aber er musste feststellen, dass da noch viele weitere Knoten waren. Manche davon mindestens genau so groß wie der geplatzte Knoten. Trotzdem blieb für ihn das Erfolgserlebnis, dass er sich nun endlich etwas mehr bewegen konnte und im festen Vertrauen war, er müsse nur jemanden finden, der ihm das richtige Werkzeug zur Hand gibt.

Auf seinem weiteren Weg traf er eine alte Dame, die ihm eine Salbe gab, mit der er das Seil einweichen konnte, um einen weiteren Knoten sanft aufzulösen. Endlich konnte er sich wieder strecken und mit seinen Händen seinen Rücken berühren. Dort entdeckte er ein Feuerzeug, mit dem er einige dicke Knoten auf seiner Brust anzünden und wegbrennen konnte. Endlich hatte er wieder Luft zum Atmen. Nach drei tiefen Atemzügen platzte ein weiterer Knoten in Höhe seines Unterbauchs. Er konnte sich wieder drehen und wenden.
Nur ein Knoten blieb noch, den er aufbekommen musste, um vollends frei zu sein. Er wusste, er bräuchte dafür ein Messer. Also ging er los und fragte umher, wer ihm ein Messer leihen könnte. Schnell fand er Hilfe bei einer jungen Dame. Er löste den letzten Knoten und war schließlich frei.

Auf seiner Reise hatte er einige wichtige Dinge gelernt: Erstens will er in Zukunft besser auf sich aufpassen, damit sich nicht wieder ein Seil um ihn legt. Zweitens war er überrascht, dass er überall Hilfe fand. Was ihn aber am meisten beeindruckte, war seine eigene Kraft. Obwohl er das Werkzeug stets bei anderen Menschen borgte, so war er es am Ende dennoch selbst, der die Knoten aufbekam und sich befreite. Fortan nannte man ihn den „Entfesselungskünstler“.

Der Krisenwandler ist auch auf Facebook und bei Twitter sowie Instagram zu finden.

 

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