Die Macht des Oxytocin – Ein Selbstexperiment

Oxytocin
Bildquelle: pixabay.com

Jaja, ich weiß. Die Überschrift dieses Artikels ist so reißerisch wie die einer Foto-basierten Boulevard-Zeitung. Aber irgendwie musste ich doch Aufmerksamkeit erzeugen, denn schließlich ist die Wirkung von Oxytocin im Bezug auf Depressionen enorm.
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Oxyto… was???

Ehrlich gesagt, ich kenne diesen Ausdruck auch erst seit meinem Klinikaufenthalt 2015. Die gängigsten Hormone wie Endorphin, Dopamin und Serotonin hat jeder schon einmal gehört. Aber das sogenannte „Bindungshormon“ Oxytocin ist eher wenigen ein Begriff.

Ich weiß noch, wie ich damals vom Oberarzt der Klinik „aufgeklärt“ wurde. Er erzählte mir, dass Oxytocin besonders stark bei der Geburt produziert wird – sowohl von der Mutter als auch vom Kind. Generell schüttet es der Körper aus, wenn der Mensch in Kontakt mit anderen Menschen kommt. Kein Wunder, dass ich ein Defizit dieses Hormons hatte. Als mir der Oberarzt dann aber noch erzählte, dass man es bei Schizophrenie-Kranken einsetze, bekam ich Angst. Wollte er mir schonend beibringen, ich sei schizophren? Sollte ich jetzt etwa doch irgendwelche Tabletten schlucken müssen? Nein, zum Glück nicht! Er wollte nur sagen, dass meine depressiven Stimmungen auch durch einen Oxytocin-Mangel zu erklären seien.
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Start für ein Selbstexperiment!

Das alles veranlasste mich zu einem Experiment. Ich verordnete mir selbst die „Hausaufgabe“, innerhalb der nächsten sieben Tage so viele Menschen wie möglich in der Klinik zu umarmen – egal ob Mitpatienten, Pfleger/innen oder Therapeuten. Einerseits weil die Klinik ein so schöner geschützter Raum ist für solche Experimente. Zum anderen wollte ich vorweg greifen, bevor es sich der Oberarzt doch anders überlegte und mir Tabletten verschrieb.

Am nächsten Morgen ging’s los. Schon am Frühstückstisch weihte ich meine drei Tischgenossinnen in den Plan ein. Und schon folgten die ersten Umarmungen. Am Nebentisch bekamen die Leute von dem Prozedere mit und so sprach sich mein Vorhaben rasch in der Klinik herum. Nach dem zweiten oder dritten Tag hatte sich das Ganze dann als Morgenritual etabliert. Die Leute standen Schlange und konnten es kaum erwarten. Ich auch nicht. Es war absolut geil! Wenn man in 30 Minuten bis zu 20 Menschen innig umarmt, erzeugt das so ein Rauschgefühl, dass ich es nicht für möglich gehalten hätte. In dieser Phase meines Klinik-Aufenthaltes ging es mir richtig gut und ich habe sie als die schönste Zeit dort in Erinnerung. Auch für meine Umwelt war der Effekt zu beobachten. Immer wieder ließ ich mir sagen, ich würde über beide Ohren strahlen. Ich muss wohl gegrienst haben wie ein Honigkuchenpferd. Wow! Von depressiver Verstimmung war in jener Woche kein Platz. Das Experiment lief so gut, dass ich es spontan um eine Woche verlängerte. Es hatte mir gezeigt, dass nicht etwa Medikamente, Ernährung oder Sport das Mittel erster Wahl gegen psychische Probleme sind, sondern dass menschliche Kontakte die größte Wirkung haben. Wie sagte Paracelsus einst: „Liebe ist die beste Medizin.“ Ich weiß, das klingt unglaublich pathetisch, aber es ist wahr…

Nach der Klinik-Zeit wollte ich dieses Ritual irgendwie beibehalten, doch ich schaffte es nicht. Immerhin gelang es mir seitdem, bei Einzel- und Gruppentherapien bewusst den Kontakt zu suchen. Die Wiederentdeckung des Oxytocin-Effektes erfolgte für mich durch die regelmäßige Teilnahme an Kuschelparties, womit ich Mitte 2016 anfing. Mehr dazu in Teil zwei der Oxytocin-Serie.

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