Mein Leben

Die Macht des Oxytocin II – Kuschelpartys

Hände im Gesicht

Ich bin mittlerweile seit einem Jahr Stammgast auf Kuschelparties, weil ich dort wie sonst nirgends die heilende Wirkung des Bindungshormons Oxytocin spüre. Trotzdem gab es auch mal Zeiten, wo ich mir sowas nicht mal im Traum hätte vorstellen können.

Es war Anfang 2016. Ich litt sehr unter meiner (subjektiv so empfundenen) Beziehungsunfähigkeit und der Unfähigkeit zu lieben. Ich wollte doch endlich lernen, wie es geht und auch mal davon kosten. Da schlug mir meine Therapeutin vor, auf eine Kuschelparty zu gehen, die monatlich stattfindet. Da der Veranstaltungsort zu weit weg war, hatte ich eine schöne Ausrede, ohne vor mir selbst ein zu schlechtes Gewissen zu haben. Aber das Schicksal half meinem Glück wenig später auf die Sprünge. In der Praxis einer Physiotherapeutin in meiner Heimatstadt entdeckte ich ein paar Monate später Flyer für eine Kuschelparty praktisch direkt vor der Haustür. Ich wusste sofort, das war ein Wink mit dem Zaunpfahl und ich hatte jetzt keine Ausrede mehr. Ich wollte es dieses Mal unbedingt ausprobieren und meldete mich bei der Veranstalterin an.
Mit Kissen und Wolldecke bewaffnet erschien ich an jenem Sonntag-Nachmittag, noch ohne konkret zu wissen, was mich erwartet.
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Und so war es…

Es ging in einem Singkreis mit den etwa 20 Teilnehmern los. Die Leiterin erklärte zunächst die sogenannten „Kuschelregeln“, die ich noch nicht kannte und die ursprünglich von den Erfindern der Kuschelparties verfasst wurden. Sie sind auch in dem Buch „Kuschel Dich Glücklich“ von Gerhard Schrabal zu lesen, das ich bis heute nicht gelesen habe, muss ich zu meiner Schande gestehen. Die zwei wichtigsten Regeln dabei sind, dass man achtsam miteinander (auch mit sich selbst) umgeht und dass sexuelle Absichten tabu sind.

Als nächstes durften wir uns zu Disco-Musik warm tanzen. Da konnte ich mir die anderen Teilnehmer schon noch mehr aus der Nähe angucken. Manche erschienen mir sympathisch; um andere wollte ich an dem Abend lieber einen Bogen machen. Aber alles rein intuitiv empfunden. Ich kannte ja niemanden dort. Und diese Anonymität gab mir auch ein wenig Sicherheit, denn schließlich kannten die anderen mich ja auch nicht.

Es folgte eine Dreier-Übung, die ich zusammen mit einer Frau und einem Mann praktizierte. Einer lag dabei am Boden, während ihn die anderen beiden streichelten oder massierten oder kuschelten. Ich muss zugeben, ein bisschen bei den anderen Dreier-Gruppen abgeschaut zu haben, da mein Repertoire des körperlichen Kontakts bisher nicht über Umarmungen hinausging. Es kostete mich einige Überwindung, einfach nur die Hand aufzulegen. Und ich hatte auch beim Streicheln Angst, etwas falsch zu machen. Doch den Teilnehmern am Boden gefiel es und so konnte ich langsam etwas wie Routine entwickeln.

Kurz vor dem Finale gab es ein gemeinsames Abendessen, das aus einem reichhaltigen Büffet bestand. Das macht die Veranstalterin noch immer so und ich finde es total toll.
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Das Beste kommt zum Schluss

Das Finale war dann die sogenannte „Kuschelwiese“, bei der die gesamten Teilnehmer sich als Masse auf den Boden legten und aneinander kuschelten. Auch hier kostete es mich wieder eine riesige Überwindung. Trotzdem fand ich recht schnell Gefallen daran und hatte am Ende das Gefühl, mich gut geschlagen zu haben. Es ging mir sogar richtig gut. Ein echtes Wohlfühlen im eigenen Körper. Es war angenehm, Liebe und Geborgenheit gespürt zu haben. Das Rauschgefühl war noch stärker als beim Selbstexperiment in der Klinik. Ich war überrascht, im Endeffekt mit so vielen unterschiedlichen Menschen gekuschelt zu haben – Männern und Frauen. Auch mit Leuten, die deutlich älter waren als ich.
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Vom Novizen zum Stammgast

Mittlerweile bin ich Stammgast auf dieser Kuschelparty. Der Ablauf ist dabei im Detail immer etwas anders, aber grob ist die Struktur wie oben beschrieben. Was mir ebenfalls sehr gefällt, ist das Singen von Mantras, während wir uns im Kreis an der Hand nehmen. Fakt ist auf jeden Fall, dass sich mein Repertoire im Bereich Zärtlichkeit deutlich erweitert hat, seitdem ich auf Kuschelparties gehe.

Der Krisenwandler ist auch auf Facebook und bei Twitter sowie Instagram zu finden.

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