Konstruktiver Umgang mit Wut und Aggression (1)

Wut und Aggression
Bildquelle: pixabay.com

In diesem Text möchte ich mich einem Thema widmen, das für viele von uns Depressions-geplagten Menschen ein alter Bekannter ist – nämlich Wut. Oder besser gesagt: Nicht gelebte oder falsch ausgelebte Wut.
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Meine persönliche Wut-Geschichte

Ich war mir lange Zeit gar nicht bewusst, wie viel Wut und Aggression sich in mir angestaut haben über mein Leben hinweg. Zum ersten Mal bewusst wurde es mir in der Traumatherapie bei Frau M in der psychosomatischen Klinik, als ich mir mein Verhältnis zu meinen Eltern anschaute. Mir wurde klar, wie sehr ich in meiner Kindheit eingeengt und meiner Freiheit beraubt wurde. Ich gestand Frau M, dass mich diese Tatsache wütend mache. Sie hakte nach: „Wütend auf wen?“ Sie wollte also, dass ich der Wut auch eine Richtung gebe. Sozusagen einen Adressat, um sie loszuwerden. Frau M fragte mich: „Können Sie sich vorstellen, Ihre Eltern zu schlagen?“ Ich dachte nur: WTF??? Will sie mich jetzt zu einer Straftat anstacheln? Was geht denn hier ab?“ Tatsächlich wollte sie zwar nur, dass ich es imaginär tue – also im Geiste. Aber auch das schaffte ich einfach nicht. „Ich kann das nicht. Ich kann nicht. Ich kann das einfach nicht!“, entgegnete ich. Zu meiner Beruhigung erklärte sie mir, dass das eine ganz normale Reaktion sei, die sie immer wieder bei ihren Patienten beobachte. Viele würden es sich nicht erlauben, negative Gefühle gegenüber ihren Eltern zu empfinden; geschweige denn, sich solche imaginären Gewalt-Szenarien vorzustellen.

In den darauf folgenden Tagen in der Klinik wurde mir dann bewusst, dass mein Burnout mit all seinen körperlichen Krankheitssymptomen auch ganz stark mit dieser unterdrückten Wut zusammenhing. Da ich aber hier war, um zu heilen, fasste ich den Entschluss, irgendwie diese Wut rauszulassen. Passenderweise bot mir Frau M in der nächsten Stunde Traumatherapie etwas an. „Ich habe eine Idee. Ich würde gerne etwas ausprobieren“, sprach sie zu mir. Sie wollte, dass ich die Wut, die ich in dem Moment empfand, zum Ausdruck bringe und raus lasse. Sie hielt ein Handtuch an einem Ende fest und ich sollte am anderen Ende mit aller Kraft drehen, bis es nicht mehr ging. Das tat ich. Am Anfang war es noch leicht, aber es wurde immer schwieriger, je mehr der Widerstand wuchs. Ich schrie, um die letzten Kräfte zu mobilisieren und das Handtuch machte dabei Knack-Geräusche, als würde ich jemandem die Knochen brechen. Dann fiel ich erschöpft in den Sessel zurück und musste erstmal anfangen zu weinen. Es war so ein bisschen nach dem Motto: „Oh Gott! Was habe ich hier gerade getan?“ Dass es aber gut und richtig war, merkte ich, als ich feststellte, dass mein chronischer Schnupfen seit diesem Ritual abklang. Dies zeigte mir ganz deutlich, dass nicht gelebte Emotionen krank machen. Und gleichzeitig auch, dass das Ausleben von Emotionen auf der körperlichen Ebene heilsam ist.
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Mein aktuelles Verhältnis zur Wut

Mittlerweile sind seit der Klinik drei Jahre vergangen und ich habe ein viel gesünderes Verhältnis zu meiner Wut entwickelt. Ich erlaube es mir, sie auszuleben auf verschiedene Art und Weise. Ich schreie und trommle in der Einzeltherapie. Ich gehe auf Raufpartys. Ich gehe in den Wald, um mir die Seele aus dem Leib zu schreien und vieles mehr. Trotzdem stellt sich berechtigterweise die Frage: Ist das jetzt gesund?
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Wie sieht ein gesunder Umgang mit der Wut aus?

Zunächst einmal ist es offensichtlich klar, dass das In-sich-Hineinfressen der eigenen Wut nicht gesund ist und langfristig zu Depressionen führt (um es mal ganz vereinfacht darzustellen). Auch wenn es vermeintlich ein Akt des Friedens ist, gegenüber anderen nicht aufzubegehren, so ist es trotzdem nicht gesund. Dass das Gegenteil jedoch leider sozial nicht verträglich ist (um es mal vorsichtig zu formulieren), leuchtet ebenso ein. Wo kämen wir hin, wenn wir alle sagen würden: „Ich bin wütend auf xy. Ich hau ihm jetzt einfach aufs Maul!“
Deshalb ist das gesündeste Mittel jenes, welches mir Frau M gezeigt hat: Emotionen rauslassen, ohne dass dabei jemand zu Schaden kommt. Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, als würde es das eigentliche Problem ja auch nicht lösen, wenn man ein bisschen vor sich hin wütet. Und trotzdem wirkt es befreiend. Dennoch habe ich genauso Momente, in denen ich denke: „Das ist doch alles verschwendete Energie…“ In manchen Fällen hat sich bei mir gezeigt, dass das Herumwüten alleine nicht reicht. In solchen Fällen habe ich mit den entsprechenden Personen (insofern sie im Familien- oder Freundeskreis sind) ein klärendes Gespräch gesucht, um Dinge anzusprechen, die mir nicht gefallen haben. Aber natürlich kostet auch das Mut.
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Ausblick

Im nächsten Text zum Thema Wut und Aggression möchte ich erläutern, was es mit dem Wort „Aggression“ auf sich hat und warum es etwas ganz Natürliches ist.
Doch vorher würde mich interessieren, liebe Leser, wie bei euch der Umgang mit Wut aussieht. Könnt ihr sie ausleben oder unterdrückt ihr sie? Habt ihr vielleicht sogar bestimmte Rituale, um die Wut rauszulassen? Eine Bekannte von mir hatte zum Beispiel ein sehr bemerkenswertes Ritual: Sie schrieb auf einen Zettel die Dinge auf, über die sie wütend war. Dann warf sie den Zettel ins Klo und verrichtete ihr Geschäft darauf, um dann beides wegzuspülen. Wie auch immer ihr mit Wut umgeht, lasst es mich wissen in den Kommentaren.

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