Konstruktiver Umgang mit Wut und Aggression (2)

Wut

Im ersten Teil über Wut und Aggression habe ich ausführlich meine persönliche Geschichte geschildert, wie ich einen gesunden Umgang mit diesen Emotionen gelernt habe. Nun soll es darum gehen, warum Aggression etwas ganz Natürliches ist.
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Was bedeutet Aggression?

Während das Wort „Aggression“ überall übersetzt wird mit „angriffsbereite Stimmung“, ist der lateinische Ursprung des Wortes weniger negativ besetzt. Das Wort „aggressio“ bedeutet so viel wie „zur Tat schreiten“ oder „eine Sache in Angriff“ nehmen. Es ist somit eher neutral von seiner Bedeutung her und beschreibt eine ganz natürliche Handlung. So ist zum Beispiel unser erster Atemzug, wenn wir auf die Welt kommen, nach dieser Deutung des Begriffs eine aggressive Handlung. Wir nehmen uns unseren (Lebens-)Raum.
Ha! Ja, genau das! Das, was bei vielen von uns ein Thema ist: sich zu erlauben, den eigenen Lebensraum einzunehmen; sich zu erlauben, sich den anderen zuzumuten. Es ist also nicht nur etwas Natürliches, sondern auch etwas, das der eigenen Gesundheit dient. Denn wie ich schon im ersten Teil geschildert habe, macht es einen krank, wenn man seine Emotionen runterschluckt, anstatt den Impulsen zu folgen und zur Tat zu schreiten, wie es der Begriff beschreibt. Viel zu viele von uns nehmen täglich Grenzüberschreitungen und Ausbeutung hin, ohne sich dagegen zu wehren und für sich selbst einzustehen. Auch bei mir ist das nach wie vor ein Thema. Zwar habe ich – unter anderem dank Frau M – Wege gefunden, meine Wut nachträglich rauszulassen, aber es gibt einen noch besseren Weg und der nennt sich:
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Prävention

Also anstatt Grenzüberschreitungen hin zu nehmen und dann nachträglich in den Wald zu rennen und laut zu schreien, um die Wut rauszulassen, ist es viel konstruktiver, sein Gegenüber unmittelbar darauf hinzuweisen: „Hey, mit dem, was du gesagt/getan hast, bist du einen Schritt zu weit gegangen und hast mich verletzt.“
Ach ja, das klingt in der Theorie wieder wahnsinnig einfach, nicht wahr? In der Realität ist es alles andere als das. Ich spreche da aus Erfahrung. Meist hadere ich Tage (wenn nicht sogar Wochen) und kämpfe mit mir selbst, bevor ich mich überwinde und etwas anspreche. Oder im schlimmsten Fall traue ich mich gar nicht. Aktuelles Beispiel: Die nächtliche Ruhestörung durch Nachbarn, die ich immer viel zu lange hin nehme, bis ich mich mal beschwere.

Und das In-Sich-Hinein-Fressen hat einen weiteren eklatanten Nachteil: Wenn der Vulkan dann mal zum Ausbruch kommt, dann trifft es meist die Falschen in einer völlig unangemessenen Situation und es tut einem im Nachhinein eunendlich leid.
Doch trotz allem glaube ich, dass auch die direkte Konfrontation etwas ist, das sich üben lässt – wie so vieles im Leben. Zumindest kann ich diese Tendenz bei mir selber beobachten. Mit jedem Mal, wo ich mich traue, etwas anzusprechen, sinkt die Hemmschwelle, es bei anderer Gelegenheit nochmal zu tun.
Um nochmal zurück zum Beispiel zu kommen: Ich war mittlerweile mehrmals bei den Nachbarn vorsprechen – einmal sogar um zwei Uhr nachts halbnackt im Schlaf-Outfit. Das hätte ich mich früher nie getraut.
Deshalb bin ich zu der Erkenntnis gelangt:
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Aggression ist Selbstfürsorge.

Selbstfürsorge. Das ist auch so’n klassisches Therapeuten-Wort. Denn es ist etwas, das viele von uns erst nachträglich noch lernen müssen. „Sorge gut für dich!“ Das ist so ein typischer Satz meiner Therapeutin, den ich immer wieder zu hören bekomme. Dass es vollkommen OK ist, zuerst an sich zu denken und nicht an die anderen, habe ich damals erst in der psychosomatischen Klinik gelernt. Davor habe ich immer gedacht, dass jemand, der an sich denkt egoistisch ist und dass Egoismus etwas Schlechtes ist. Ich dachte, ich wäre dann ein schlechter Mensch.
Aber nein! Auch das Wort Egoismus ist wie das Wort Aggression von seiner Bedeutung her in unserer Gesellschaft viel zu negativ besetzt. Manche sprechen deshalb situationsbedingt von einem „gesunden Egoismus“, weil das dann nicht mehr so negativ klingt. Dabei muss man dieses Wort gar nicht anfügen. Egoismus ist – wie Agression – sehr gesund.
Wer egoistisch und aggressiv ist, tut sich etwas Gutes. Und wer sich etwas Gutes tut, der liebt sich selbst. Ja, was ich damit sagen will, ist: Egoismus = Selbstliebe. Zu diesem Thema empfehle ich Charlie Chaplins Rede zu seinem 70. Geburtstag, in der es auch heißt: „Anfangs nannte ich das gesunden Egoismus, aber heute weiß ich, das ist Selbstliebe.“

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