Leistungsgedanken (2)

Leistungsgedanken
Bildquelle: pixabay.com (Bild bearbeitet)

In dieser Artikel-Serie werden Marco Zander und ich abwechselnd Artikel über das für unsere Gesellschaft typische Leistungsdenken und dem damit verbundenen Thema Burnout schreiben. Die Idee ist, dass so eine Art Konversation zwischen uns beiden Autoren entsteht, die wir offenlegen.
Nachdem Marco im ersten Teil der Serie eine schöne Einleitung zum Thema geliefert und einige Fragen aufgeworfen hat, möchte ich auf diese nun eingehen.

Hey Marco,
zunächst einmal finde ich auch, dass es eine tolle Sache ist, dass wir auf unseren Seiten so offen über interessante Themen schreiben können und ich denke, dass diese Unterhaltung zwischen uns als Autoren nochmal eine neue Dimension schaffen wird.

Mein erster Gedanke nach dem Lesen deines Einstieges war: „Boah! Das sind ja ganz schön viele Fragen auf einmal! Ich weiß gar nicht, ob ich die alle mit einem Mal beantworten kann…“ In meinem Leistungsdenken würde ich gerne einen perfekten Text schreiben, der alles abdeckt. Als ich dann einen Schritt zurücktrete, wird mir bewusst, dass es vollkommen OK ist, mir Zeit zu nehmen und gegebenenfalls meine Antwort auf mehrere Texte zu verteilen. Womit wir auch gleich beim Thema wären…
Jaja, immer dieses Leistungsdenken! In vielen Texten, die du schreibst, finde ich mich in deinen Verhaltensmustern wieder. Oder es erinnert mich zumindest an mich selbst in meiner „schlimmsten Zeit“. Natürlich ist es anmaßend, aus der Ferne dein Verhalten zu analysieren. Deshalb schaue ich erstmal auf mich selbst und möchte mein Verhalten beleuchten.
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Der Leistungsgedanke in meinem Leben

In meinem Leben hat dieses leistungsorientierte Denken schon immer eine große Rolle gespielt. Ich glaube, ich habe dieses Verhaltensmuster auch ganz stark von meiner Mutter übernommen. Ich habe (seit ich denken kann) viel zu hohe Ansprüche an mich selbst gestellt. Und wenn ich mal ein Ziel erreicht beziehungsweise ein (Lebens-)Projekt erfolgreich abgeschlossen hatte, konnte ich den Erfolg nie genießen. Es gab keine Zeit zum Ausruhen, sondern ging gleich weiter mit den nächsten großen Projekten. Es war, als wäre ich irgendwann einfach nicht mehr zufrieden zu stellen gewesen. Es stellte sich kein Glücksgefühl mehr ein und ich erhoffte mir: „Wenn ich denn nur genug schaffe und erreiche, dann wird sich irgendwann zwangsläufig ein Glücksgefühl einstellen.“ Jetzt muss ich dazu sagen, dass ich sogar zu jenen Menschen zähle, die von Anfang an wussten, dass sie ihr Hobby zum Beruf machen, weil sie Spaß an der Arbeit haben wollen. Ich persönlich hatte ein naturwissenschaftliches Studium abgebrochen, um mich in die Medienwelt zu stürzen. Genauer gesagt sind Musik und Sound meine Leidenschaften. Und die Vorstellung damit eines Tages meinen Lebensunterhalt zu verdienen, war zunächst ein wunderbarer Antrieb.

Aber ich muss mir auch eingestehen im Nachhinein, dass meine Karriere in meinem Leben bis dahin zu viel Raum einnahm. Ich vernachlässigte andere essentielle Dinge wie Freundschaften und Partnerschaften. Karriereplanung war mein Ersatzpartner. Ein weiterer Ersatzpartner war der Sport, den ich bewusst jahrelang betrieben hatte, um Glücks- und Rauschgefühle zu bekommen. Ein Lebensmodell, das einige Jahre funktionierte. Bis bei mir 2012 der Zusammenbruch kam…
Erst die Burnout-Erkrankung, die eine vom Körper erzwungene Pause war, ermöglichte es mir, meinen Lebensstil zu reflektieren und mich zu fragen, warum das alles so ablaufen musste.

Im Nachhinein betrachtet bin ich mir bewusst, dass dieser Lebensstil ein Verdrängungsmechanismus war, damit mich meine Ängste und „Dämonen“ aus der Vergangenheit nicht „einholen“ konnten. Aber ich trug sie ja doch immer bei mir und so waren sie mir stets auf den Fersen.
Zum anderen trieb mich der Irrglaube an, dass ich erst dann etwas wert bin, wenn ich etwas geleistet habe. Mein Selbstwertgefühl war also fest verbunden mit allem, was ich (beruflich) erreichte.
Und die dritte fundamentale Kraft, die mich dazu trieb, diesen Marathon im Dauersprint zu laufen – wie ich es immer so schön sage – war meine Angst, mein Potential nicht voll auszuschöpfen. Die Angst, etwas in diesem Leben zu verpassen. Dass wenn morgen alles vorbei wäre, ich nicht alles aus mir gemacht hätte.
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Also? Leistung ist immer scheiße?

Folglich kam ich in meiner größten Erschöpfungsphase dann auch zu dem Schluss, dass alles, was mit Leistung zu tun hat, schlecht ist. Ich verteufelte es und stürzte mich ins andere Extrem, indem ich etwas tat, das ich fortan „mich fit schonen“ nannte. Ich dachte, dass wenn ich mich nur lange genug ausruhe, meine Kräfte irgendwann mit der Zeit von ganz alleine wieder kämen. Allerdings ging dieser Plan nicht auf. Stattdessen ermüdete mich das Nichtstun mehr und mehr, sodass ich mich in einem Teufelskreis gefangen sah. Das war damals Ende 2014. Erst als ich Anfang 2015 in eine psychosomatische Klinik kam, erkannte ich, dass der Weg zurück zu meinen Kräften ein anderer ist. Nicht durch endloses Ausruhen und dem Meiden von Anstrengung, tanke ich auf, sondern durch Begegnungen mit anderen Menschen. Deshalb wurde mir zu dieser Zeit auch bewusst, dass die Kunst eines gesunden Lebensstils darin liegt, eine Balance zwischen Schaffen und Ruhen zu finden. Dass Pausen zum Leben dazu gehören und ich sie mir nehmen darf. Tatsächlich ist es doch auch beim Sport so, dass die Muskeln an den Tagen wachsen, an denen sie ruhen, weil der Körper regeneriert. Übertragen auf den Geist kann ich von mir behaupten, dass ich die größten Erkenntnisse und Einfälle in meinen Schaffenspausen hatte, als mein Geist ruhte. Aber ohne Anstrengung funktioniert das ganze Modell eben auch nicht. Und ich denke, hier die richtige Balance zu finden, ist eine Lebensaufgabe für mich, an der ich mein Leben lang feilen kann. Zum Beispiel habe ich diesen Sommer wieder mit dem Laufsport angefangen und mich dabei erwischt, wie ich ganz schnell wieder in alte Muster gefallen bin: keine Pausen, immer weiter, höher, schneller… Genauso habe ich es auch gemacht, als ich wieder angefangen habe, mehr kreativ zu arbeiten. Denn es macht Spaß, etwas zu schaffen und unter Strom zu stehen. Sich dem Rausch des Flow-Gefühls hinzugeben. Es ist ein geiles Gefühl, etwas kreiert zu haben und danach auf die eigene künstlerische Schöpfung zu blicken. Und diese Gedanken sind vollkommen in Ordnung, finde ich mittlerweile. Um nun auf die Frage einzugehen, wie ich es trotzdem schaffe, Herr der Lage zu bleiben, ohne mich von diesen Gefühlen verführen zu lassen: Ich würde sagen, die Lösung liegt in der Kommunikation mit dem eigenen Körper. Symptome wie aufkommende Müdigkeit, Kopfschmerzen, Bauchgrummeln, nervöse Unruhe und ähnliches frühzeitig zu erkennen und dem entgegenzuwirken.
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Fazit

Jetzt habe ich einige deiner Fragen noch gar nicht beantwortet und würde dies gerne in einem weiteren Text tun. Nämlich:
1) Wie hätte ich mein Burnout verhindern können und gleichzeitig „produktiv“ sein?
2) Brenne ich nicht aus, wenn ich nur das tue, das mir Spaß bereitet?
3) Wann ist ein Burnout vorbei? Woran erkenne ich, dass es vorbei ist?
Bevor ich aber in einem nächsten Text auf diese Fragen eingehe, würde mich interessieren, wie du es in deinem Leben mit der gesunden Balance hälst. Was sind deine Kraftquellen? Und was treibt dich an? Und vor allem – nach all dem, was ich nun so geschildert habe: Hast du nach wie vor Angst, dich könnte das selbe Schicksal ereilen wie mich?

Didi Burnault

hier geht’s weiter zu Teil 3 der Serie
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