Leistungsgedanken (6)

Leistungsgedanken
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In dieser Artikel-Serie werden Marco Zander und ich abwechselnd Artikel über das für unsere Gesellschaft typische Leistungsdenken und dem damit verbundenen Thema Burnout schreiben. Die Idee ist, dass so eine Art Konversation zwischen uns beiden Autoren entsteht, die wir offenlegen.
In Teil 6 beziehe ich Stellung zu der These, dass es immer gut so ist, wie es gekommen ist und liefere außerdem ein Plädoyer für mehr Intuition und Spontanität.

Hi Marco,
so, nachdem ich mir etwas Zeit gelassen habe, ist hier nun meine Antwort auf deinen letzten Beitrag. Sorry, dass es so lange gedauert hat; ich hatte mich in den letzten Wochen intensiv einem anderen Hobby neben dem Schreiben gewidmet: dem Musizieren.

Und dennoch denke ich auch, dass ich meine Antwort unterbewusst deshalb herausgezögert habe, weil unsere Artikelserie jetzt kontrovers wird und ich teilweise eine andere Meinung habe als du. Und gerade gegenüber Menschen, zu denen ich ein gutes Verhältnis habe, fällt es mir schwer, meinen anderen Standpunkt darzulegen (Stichwort: Harmoniebedürftigkeit). Ich neige dazu, mich davor zu drücken. Deshalb schätze ich, sollte ich dir dankbar sein, da du mich dieses eigene Verhaltensmuster hast erkennen lassen…

OK, genug der Harmonie… 😉 Und nun zum Thema: Ist es wirklich immer gut und richtig so, dass es passiert, wie es passiert? Kann man das wirklich so pauschal sagen? Fakt ist, dass unsere Unterhaltung an diesem Punkt eine sehr philosophische Richtung eingeschlagen hat. Sehr, sehr philosophisch. Und da denke ich, gibt es kein Richtig oder Falsch, sondern nur eine persönliche Meinung, die man mal mehr und mal weniger mit Argumenten stützen kann.

Ich kann deine Argumentation verstehen, dass nicht jede Handlung egal ist. Jede Möglichkeit, jede Weggabelung bietet ihre guten Erfahrungen, die man machen kann und sie ist es damit wert, ins Auge gefasst zu werden. Von daher ist es verständlich, vorher zu überlegen, wie man handelt. Aber ich plädiere dafür, nicht ewig zu überlegen und im Zweifel auch einfach mal der eigenen Intuition zu folgen. Und auch dafür, im Nachhinein nicht zu hadern, sondern die Dinge so akzeptieren, wie sie sind, weil man sie eh nicht mehr ändern kann. Ich würde es als eine Art Gottvertrauen oder Universumsvertrauen (oder woran auch immer man glaubt) beschreiben, dass eine höhere Macht schon einen Plan hat, warum genau das alles so passiert. Aber natürlich glaubt nicht jeder an diese Kräfte und hat nicht dieses blinde Vertrauen. Ich habe mir diese Eigenschaft auch erst antrainiert, nachdem ich in Brené Browns Buch „The Gifts of Imperfection“ gelesen habe, dass dies eine Eigenschaft der meisten glücklichen, zufriedenen Menschen ist.

Du fragst rhetorisch: Warum richtig machen, wenn man eh aus Fehlern lernt? Ja, ich weiß, was du meinst. Früher habe ich auch bei Entscheidungen ewig abgewogen und hin und her überlegt. Heute überlege ich nicht mehr so lange, sondern folge im Zweifel der Intuition – auch wenn ich dann mal Fehler mache, aus denen ich dann lernen muss. Diese neue Haltung (ich nenne sie „Scheißegal-Haltung“) hat mein Leben einfacher und unverkrampfter gemacht, sodass ich es auch auf der körperlichen Ebene spüre, weil ich weniger Verspannungen habe.
Letztlich muss ich noch anfügen, dass es auch Situationen gibt, wo man Entscheidungen nicht im Kopf mit der Vernunft abwägen kann, sondern erst durch Probieren und Experimentieren zur Erkenntnis gelangt. In der Liebe und mit Beziehungen ist das häufig der Fall. Zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht.

Zu deinem Punkt, dass die Leute, die es nicht wieder auf die Beine geschafft haben, ihre Geschichte nicht erzählen und schweigen: Da sag ich mal jein. Es gibt durchaus ein paar Blogger und Twitterer, die diese pessimistische Sichtweise thematisieren. Trotzdem denke ich auch, dass ebenso viele schweigen.

Und nun zum zweiten Teil deiner Antwort beziehungsweise den Fragen, die du stellst: Das sind alles gute und berechtigte Fragen. Zunächst einmal muss ich zum Thema Gefühle sagen, dass ich hochsensibel veranlagt bin, was bei mir bedeutet, dass ich schneller weine als andere. Allerdings kann ich mich dafür auch an Kleinigkeiten stärker erfreuen als die meisten anderen Menschen. Und das ist gut so… 🙂
Mit deiner Vermutung hast du Recht. Es ist tatsächlich so, dass beim Mitnehmen meiner Gefühle das Wichtigste erstmal ist, zu mir selbst zu sagen: „Ich erlaube mir das!“ Interessanterweise ist dieses Thema mit den Gefühlen bei mir auch sehr aktuell wieder. Ich würde nämlich gerne gegenüber meinen Freunden genauso ungefiltert meine Gefühlsausbrüche zeigen, wie ich es im therapeutischen Kontext kann. Bislang tue ich mich damit noch sehr schwer.

In der Öffentlichkeit ist das mit dem Gefühle-Zeigen wiederum anders. Ich empfinde es für mich als unmöglich, im Bus oder auf der Straße zu heulen. Was ich jedoch mache, das sehr hilfreich ist, ist folgendes: Ich bringe in der Öffentlichkeit über meine Körper- und Gesichtssprache mein Empfinden herüber, ohne mich zu verstellen. Das kann bei Aggressivität zum Beispiel so aussehen, dass ich beim Spazierengehen kleine Steinchen wegtrete (übrigens mit eleganter Profi-Fußballer-Haltung^^).
Zu der Geschichte mit dem Tanzabend muss ich sagen, dass mir von Anfang an der Rahmen bewusst war, dort therapieerfahrene Leute anzutreffen – auch wenn ich nicht alle davon kannte. Aber dieses Wissen hat dazu beigetragen, dass ich mich mit all meinen Gefühlen, die ich mit mir herum trug, willkommen fühlte in der Runde.

OK, und wie habe ich diese Emotionen gezeigt? Ich hatte mir von Anfang an gesagt, ich darf losheulen, wenn ich müsste. Und ich habe außerdem bewusst über Mimik und Gestik meinen Gefühlszustand zum Ausdruck gebracht. Und auch verbal. Also auf die Frage „Wie geht’s dir?“ habe ich ehrlich geantwortet mit „Schlecht“, was ja auch nicht immer selbstverständlich ist.
Dennoch musste ich überraschenderweise nicht losheulen an dem Abend, weil ich feststellte: „Eigentlich hab‘ ich doch heute schon genug geheult. Ich will lieber die Gesellschaft genießen und probieren, Spaß zu haben.“ Alles in allem würde ich sagen, dass auch im Umgang mit Emotionen die Intuition und die Spontanität große Verbündete von mir geworden sind. Ich würde sogar soweit gehen, zu behaupten, dass das Folgen der eigenen Intuition und Spontanität die beste Prävention gegen Burnout und Depressionen sind.

Das war’s erstmal. An und für sich wäre ich gerne in diesem Text noch auf eine deiner allerersten Fragen eingegangen – nämlich: Brenne ich nicht aus, wenn ich nur das tue, was ich liebe? (gerade beruflich gesehen) Ich würde die Antwort darauf gerne im nächsten Text geben. Trotzdem würde mich vorab interessieren, was du dazu denkst und was du für Erfahrungen dazu gemacht hast.
P.S. Beim Umfang dieses Textes wundert es mich nicht, dass ich ihn so lange vor mir hergeschoben habe… 😉

Didi Burnault

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