Leistungsgedanken (8)

Leistungsgedanken

In dieser Artikel-Serie werden Marco Zander und ich abwechselnd Artikel über das für unsere Gesellschaft typische Leistungsdenken und dem damit verbundenen Thema Burnout schreiben. Die Idee ist, dass so eine Art Konversation zwischen uns beiden Autoren entsteht, die wir offenlegen.
In Teil 8 gehe ich der Frage nach „Brenne ich nicht aus, wenn ich das tue, was ich liebe?“ Ich beleuchte diese Frage allgemein und an meinem eigenen Beispiel, indem ich meine Verhaltensmuster beschreibe, die ins Burnout geführt haben.

Hallo Marco,
jetzt sind wir also angekommen bei der spannendsten Frage überhaupt, die ja mit der Ausgangspunkt unseres Schriftverkehrs war – nämlich: Brenne ich nicht aus, wenn ich das tue, was ich liebe? Ich muss ganz ehrlich sagen, dass es zwei Seiten gibt. Einmal das, was die Theorie und die Experten sagen und zum anderen das, was ich selbst erlebt habe. Deshalb möchte ich diese beiden Aspekte nacheinander beschreiben.
_

Was sagen die Experten?

Immer wieder bekomme ich von meiner Therapeutin zu hören (sowohl in Einzel- als auch in Gruppentherapie), wie sie mich oder andere ermutigt, sich beruflich selbst zu verwirklichen und der eigenen Neugier zu folgen. Einfach das zu machen, wofür das eigene Herz schlägt. Wenn man das tue, was man liebt, dann ermüde man nicht so schnell und kommt mit sehr viel weniger Schlaf aus, weil man sich so sehr auf den Tag freut, dass man es kaum abwarten kann, hinein zu starten.

Und überall sind andere, die dies bestätigen. Mythenforscher Joseph Campbell zum Beispiel rät einem: „Follow your bliss!“ Autor Daniel Pink schreibt in seinem Buch „Drive“, dass es keine größere Motivation gibt als den eigenen inneren Antrieb – die so genannte intrinsische Motivation. Er erklärt auch, dass Menschen Unglaubliches zu leisten im Stande sind, wenn sie das Gefühl haben, für einen Zweck zu arbeiten, der viel größer ist als sie selbst. Die Heath-Brüder Chip und Dan beschreiben ähnliche Phänomene in ihrem Buch „Switch“. Und vor Kurzem bin ich im Internet auch nochmal über eine Quelle gestoßen, die bestätigt: Wir können kräftemäßig über uns hinaus wachsen, wenn das, was wir tun Spaß macht und einen Sinn hat. (Wenn ich die Quelle noch wüsste, würde ich auch den Link einfügen.)
So, und jetzt komme ich und werfe all diese schöne Theorie über den Haufen…
_

Mein Burnout

Als ich mich 2008 dazu entschieden habe, digitale Medien mit dem Schwerpunkt Sound und Musik zu studieren, war das auch ein Entschluss, das Hobby zum Beruf zu machen. Es war mir zu wenig, so wie bis dahin nur die wenigen Inseln meiner Freizeit zum Kreativsein zu nutzen. Ich wollte stattdessen den ganzen lieben Tag nichts anderes machen als Musikproduktion, Tongestaltung und anderen kreativen Shit. Das war eine mega Zukunftsvision: Nur noch das machen, was ich liebe und damit auch noch meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das war ein mächtiger Antrieb.

Ich erlebte seitdem wahnsinnig viele „Flow“-Gefühle. Momente des Schaffens, wo ich so fokussiert war, dass das Gefühl für Raum und Zeit einfach verschwand. Den Höhepunkt erreichte alles in der ersten Jahreshälfte von 2012, bevor es dann irgendwie kippte. Zu der Zeit spulte ich das Sportpensum eines Leistungssportlers ab, investierte 150% in mein Studium durch das Belegen von Extra-Kursen, produzierte regelmäßig meine eigene Radiosendung und arbeitete nebenbei etwas, um mir Geld zum Studium dazu zu verdienen. Ständig am Wirbeln zu sein fühlte sich damals total geil an. Es war ein Rauschgefühl. Ich liebte es, voller Erschöpfung ins Bett zu fallen, denn Schlafen war meine einzige Auszeit. Wochenenden gab es längst nicht mehr. Ich hatte eine 7-Tage-Woche. Das bringt mich direkt zum ersten von vielen Problemen dieses Lebensstils.

1. Problem: Es gab keine Pausen. Ich plumpste wie gesagt abends tot ins Bett und wenn ich am nächsten Morgen aufwachte, musste ich fit genug sein, um die nächsten 16 Stunden durchpowern zu können. „Produktiv sein“ nennt man das heutzutage. Ich hätte besser mal meditiert, inne gehalten und meinen Atem beobachtet oder ähnliches, um immer mal wieder runter zu kommen. Doch Pausen allein reichen nicht. Denn…

2. Problem: Die Kraftquellen fehlten. Und Schlaf kann nun mal nicht die alleinige Kraftquelle sein. Was mir fehlte, war so etwas wie eine Basis. Ein Boden unter den Füßen. Etwas, das mir Rückhalt gibt. Liebe und Halt fehlten vollkommen in meinem Leben. Wie sich später herausstellen sollte, fehlten sie schon immer. Jeder braucht jemanden, der/die einen ab und zu mal in den Arm nimmt – um es ganz platt zu formulieren.

3. Problem: Ich hatte familiären Stress zu Hause um die Ohren und fühlte mich mit meiner Wohnsituation nicht wohl. Das raubte mir unendlich viel Kraft und saugte mich regelrecht aus. Hätte ich mal früher meine eigene Wohnung gesucht…

4. Problem: Ich ernährte mich einfach scheiße! Zucker und Koffein waren meine „Drogen“ um durchzuhalten und ich brauchte immer mehr davon, um mein tägliches Pensum auch abspulen zu können.

5. Problem: Ich musste immer mehr tun, damit ich mich am Ende des Tages glücklich fühlte. Aber es machte mich gleichzeitig nicht mehr glücklich – egal wie viel ich ackerte. Was übrigens ein ganz charakteristisches Muster einer Sucht ist: Immer immer mehr von etwas benötigen, in der Hoffnung, dass es einen zufrieden stellt, jedoch ohne dass dies jemals gelingt.

6. Problem: Ehrgeiz und Planung verdrängen den Spaß-Faktor. Es war ein schleichender Prozess. Doch mit To-Do-Listen und Sätzen wie „Ich MUSS heute unbedingt…“ habe ich es geschafft, den Spaß an den Dingen zu verlieren, die eigentlich mal meine Leidenschaft waren. Stattdessen wurde alles zum Zwang. Ich drängte mich selbst zu Höchstleistung. Zu der Zeit hatte ich sogar eine Text-Datei auf dem Computer, um jeden Tag zu dokumentieren, ob ich auch produktiv war. Ohne Mist! Heute weiß ich, dass es OK ist, auch mal einen Tag nix zu tun und dass ich trotzdem wertvoll bin als Mensch.

7. Problem: Ich hatte psychische Probleme. Ich war mir dieser damals nicht bewusst, aber sie waren da – unter der Oberfläche. Und letztlich haben sie wahnsinnig viel Einfluss auf meine Verhaltensmuster gehabt. Nennen wir sie doch beim Namen: Angststörung und Selbstzweifel. (Es sei außerdem gesagt, dass generell jedem Burnout eine Depression zu grunde liegt.)

8. Problem: Multipassion. Ein Ausdruck, den ich erst seit Kurzem dank Julias Blog kenne. Ich wusste die ganze Zeit gar nicht, dass ich darunter „leide“. Multipassion ist an sich keine Krankheit, kann jedoch das Leben erheblich erschweren. Es bedeutet, dass man sich für mehrere Dinge gleichzeitig begeistert und dass es einem folglich schwer fällt, sich für eine Sache zu entscheiden und sich auf diese zu fokussieren.
_

Was wäre, wenn…

Jetzt wirst du dich sicherlich fragen: „Was wäre, wenn diese Probleme gelöst wären oder man sich dieser zumindest bewusst wäre?“ Ja, diese Frage stelle ich mir in letzter Zeit auch vermehrt. Nun, da ich einen zweiten Anlauf der beruflichen Selbstverwirklichung starten möchte nach meiner Zwangs-Auszeit namens Burnout.
Mich würde aber auch interessieren, wo du dich in meinen Verhaltensmustern wiederfindest. Glaubst du immer noch, du könntest nicht ausbrennen? Und noch etwas interessiert mich: Du hast – glaub ich – mal so ’ne 5-Uhr-Aufsteh-Challenge gemacht, wo du regelmäßig so früh aufgestanden bist. Kannst du bisschen über diese Erfahrung berichten?
So long.

Didi Burnault

hier geht’s weiter zu Teil 9 der Serie
alle Artikel der Serie

Der Krisenwandler ist auch auf Facebook und bei Twitter sowie Instagram zu finden.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.