Mein Berufswiedereinstieg nach Burnout (6)

Berufswiedereinstieg
Bildquelle: pixabay.com

Im fünften Teil meiner Berufswiedereinstieg-Serie habe ich genau beschrieben, wie es dazu kam, dass ich mich auf Jobsuche begeben habe und warum es eine Trotzreaktion auf meine Therapeutin war. Nun möchte ich im sechsten Teil schildern, wie der Kellner-Job für mich verlief.

Zunächst einmal ging es für mich los beim alljährlichen Stadtfest auf dem Getränkestand, wo ich an zwei Abenden zu einer Schicht eingeteilt war. Und da wartete schon gleich die erste harte Probe auf mich, denn ich war es gar nicht gewohnt um diese Uhrzeit bis spät in die Nacht hinein zu arbeiten. Im Gegenteil: Auf dem Bauernhof war ich immer nur vormittags im Einsatz und auch sonst ging ich nur ganz selten mal nach zwölf ins Bett. Einfach weil meine Kräfte es zu dieser Zeit nicht anders erlaubten. Und jetzt sollte ich nicht nur bis nach Zwölf auf bleiben, sondern dabei auch noch arbeiten?! Es war ein Sprung ins kalte Becken und funktionierte auch nur mit ganz viel Urvertrauen. Und dem unbedingten Willen, das Ganze hier durchziehen zu wollen. Tatsächlich meisterte ich die beiden Abende am Getränkestand bravurös.
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Vom Getränkestand zur Service-Kraft

Die nächsten zwei Monate wurde ich dann eingearbeitet für das klassische Kellnern im Café- und Barbetrieb: Leute begrüßen, Bestellungen aufnehmen, Getränke und Essen rausbringen, abkassieren, usw. Dabei arbeitete ich sowohl tagsüber als auch wieder abends. Ich merkte schnell, dass das ein ganz anderes Kaliber war, als einfach nur Getränke rauszugeben wie beim Stand auf dem Stadtfest. Es erforderte sehr viel mehr Konzentration. Vor allem musste ich die ganzen Abläufe lernen, um effektiv zu arbeiten. Und das fiel mir am Anfang ziemlich schwer. Es gab sogar eine Situation nach der Schicht, als mich ein Kollege zu sich bat und im Gespräch meinte, ich solle vielleicht überdenken, dass dieser Job hier das Richtige für mich sei. Es war nicht die erste derartige Stimme. Viele Leute aus meinem Umfeld hatten auch schon im Voraus Bedenken geäußert. Aber ich wollte es allen zeigen. Am meisten wollte ich es mir selbst beweisen, dass ich es konnte.
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Pendeln zwischen Extremen

Und so pendelte ich in der Anfangszeit des Jobs zwischen zwei Extremen:
„Ja, ich will das hier verdammt nochmal und ich werde es packen!“
„Oh, Sch***e! Wie soll ich das bloß nur alles hinkriegen???“
Ein weiteres Problem stellte meine tägliche emotionale Verfassung dar. Früher auf dem Bauernhof konnte ich es mir bei dem Ehrenamt natürlich erlauben, zu sagen: „Mir geht es gerade seelisch gar nicht gut und mir ist alles zu viel. Ich bleibe heute zu Hause, um zu Kräften zu kommen.“ Aber das war jetzt nicht mehr drinnen. Vor allen Dingen nicht spontan! Das Problem war nur, dass meine Stimmungsschwankungen immer sehr kurzfristig kamen, sodass es nichts Ungewöhnliches war, wenn ich den kompletten Nachmittag zu Hause geheult hatte und dann zur Arbeit ging und funktionieren musste.
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Das Thema Offenheit

Das warf übrigens gleich die nächste Frage auf: Wie offen sollte ich mit meiner Lebensgeschichte umgehen? Ich entschied mich dazu, sie weitestgehend geheim zu halten, was allerdings auch dazu führte, dass meine Arbeitskollegen (größtenteils Studenten) kaum etwas über mich wussten außer ein paar Informationen, die ich ihnen ganz verlegen gab.

Das klang jetzt alles erstmal sehr negativ. Doch mit der Zeit hatte der Job auch seine schönen Seiten. Nämlich immer dann, wenn ich spürte, dass ich mich persönlich weiterentwickelte. Und dies passierte zwangläufig durch die vielen Herausforderungen, vor die ich gestellt wurde. In den 14 Monaten, die ich insgesamt dort arbeitete, habe ich viel gelernt, bin zu zahlreichen Erkenntnissen gekommen und würde behaupten, dass ich mich persönlich dadurch extrem weiterentwickelt habe. Was genau mich der Job alles gelehrt hat, ist einen eigenen Artikel wert!
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Burnout-Prävention

Nichtsdestotrotz: Es gab einige Faktoren, die mich dazu bewegten, letztlich im Spätsommer 2018 zu kündigen. Dass ich so viel lernen konnte, war schön und gut. Aber dieses Immer-Funktionieren-Müssen konnte ich irgendwann nicht mehr. Immer freundlich sein, auch wenn es einem selber nicht gut ging oder sich manche Gäste aufführten wie die letzten A***löcher. 6 bis 7 Stunden am Stück voll konzentriert zu sein und immer alle Gäste im Blick zu haben. Zwanzig Sachen, die gleichzeitig schrien, weil sie oberste Priorität hatten. Und immer dieses schnell, schnell. Es hat 14 Monate funktioniert, aber am Ende merkte ich, dass ich es nicht länger konnte.

Ich kündigte den Job in einer Phase, in der ich zwar mittendrin war, mich für etwas Neues zu bewerben, jedoch ohne irgendwo eine konkrete Zusage zu haben. Doch das war egal. Ich wusste, ich müsste diesen Schlussstrich ziehen, um Platz für Neues zu schaffen. Manchmal gehen neue Türen erst dann auf, wenn man alte schließt. So wurde das Ganze mal wieder ein Test, wie gut es um mein Urvertrauen bestellt ist…

Wie es weiterging und ob mir der liebe Gott zu Hilfe kam, werde ich im nächsten Teil schildern.

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