Mein Leben

Multipassion – Fluch oder Segen?

Jongleur

Was ist Multipassion? Zu diesem Thema wollte ich schon längst mal einen Artikel schreiben. Nun ist es also soweit. Denn – so viel kann ich vorwegnehmen – auch mich betrifft diese Thematik. Vor allem aber will ich darüber reflektieren, was die Vor- und Nachteile sind und wie es sich anfühlt, multipassioniert zu sein.

Was ist eigentlich Multipassion?

Die Bedeutung des Begriffes lässt sich leicht herleiten, wenn man sich die Wortfragmente anschaut (Multi + Passion). Wenn jemand multipassioniert ist, dann hat er mehrere Leidenschaften, für die er sich begeistern kann. Tätigkeiten, in denen er voll aufgeht. Außerdem ist es ganz typisch, dass man sehr schnell neue Hobbys für sich entdeckt.

Wenn ihr Teil 10 meiner Berufswiedereinstieg-Serie gelesen habt, wisst ihr, dass die obige Beschreibung absolut auf mich zutrifft. Ja, ich bin multipassioniert. Oh, Gott! Das klingt wie eine Krankheit oder so. Naja, wir Menschen müssen halt alles kategorisieren und mit einem Label versehen… 😉

Ich persönlich bin über den Begriff Multipassion vor gar nicht all zu langer Zeit überhaupt das erste Mal gestoßen. Ich wusste zwar schon immer, dass ich zahlreiche Leidenschaften habe, die ich mit unheimlich viel Herzblut betreibe. Doch für mich war das immer was vollkommen Normales. Als ich damals das erste Mal mit dem Begriff konfrontiert wurde, dachte ich mir: „Wow! Krass! Dafür gibt es sogar einen Ausdruck!?“

Das war jetzt zunächst eine sehr theoretische Betrachtungsweise. Ich würde sehr gerne noch erzählen, wie es sich für mich anfühlt.

So lebt es sich mit Multipassion

Lange Zeit habe ich ausschließlich die positiven Aspekte von Multipassion wahrgenommen. Es fühlt sich total schön an, wenn man Dinge hat, für die man sprichwörtlich brennt. Schließlich wirkt es unglaublich motivierend, wenn man etwas mit Freude tut. Ich habe mir schon immer eigene Ziele gesetzt und an großen Projekten gearbeitet. Das hat mir auch immer eine Art Sinnhaftigkeit gegeben. Und es gibt noch einen weiteren wunderbaren Nebeneffekt: Man hat stets eine Alternative parat, wenn ein Projekt mal nicht ganz aufgehen sollte. Ich hatte jederzeit meine Pläne B bis Z.

Aus dieser Sichtweise ist Multipassion meiner Meinung nach ein toller Gegenspieler zur Depression. Denn so etwas wie Sinnlosigkeit oder Antriebsschwäche kennt die Multipassion nicht. Das ist auch der Grund, warum ich so dankbar dafür bin, multipassioniert zu sein: Ich habe schon so oft Menschen getroffen, die nicht wissen, wer sie sind und was ihnen Spaß macht. Folglich wissen sie nicht, wie sie ihre freie Zeit gestalten sollen oder was das Leben für sie bereithält. Bei mir ist es genau das Gegenteil. Ich kann gar nicht genug freie Zeit haben. Und genau das – nämlich die Zeit – ist letztlich auch die Problematik mit Multipassion.

Die Kehrseite der Medaille

In den letzten Jahren ist bei mir die Angst immer größer geworden, dass ich vielleicht gar nicht all das machen kann, was ich mir für dieses Leben vorgenommen habe, weil die Zeit dafür einfach zu knapp ist. Es fällt mir schwer, meine Zeit so einzuteilen, dass alles seinen Platz hat. Ja, ich tue mich auch schwer damit, fokussiert zu bleiben, da so viele Dinge danach schreien, erledigt zu werden. Es ist, als würde ich auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Und das kann verdammt anstrengend und stressig sein. Wenn man für sehr vieles brennt, dann brennt man automatisch auch leichter aus. Zumindest besteht dieses Risiko, wenn man nicht richtig damit umgeht.

Ein weiteres Problem war für mich schon immer,  dass ich Dinge häufig nicht zu Ende gebracht habe. Ist ja auch logisch, wenn permanent eine neue Idee auftaucht, die einen ablenkt, neugierig macht und realisiert werden möchte.

Oft fühle ich mich schlichtweg überfordert aufgrund der vielen Ziele, die ich mir gesteckt habe.

Also?

Trotzdem denke ich, dass Multipassion an sich etwas Gutes ist. Die Gründe dafür habe ich schon genannt. Und die negativen Aspekte? Für die gibt es auch Lösungen. Ich habe nämlich mittlerweile ein paar Strategien entwickelt, sodass ich besser mit den entstehenden Problemen umgehen kann.

Die erste sieht so aus: Ich ordne den unterschiedlichen Passionen ganz konkrete Tage oder Zeiten zu. Beispielsweise habe ich einen Tag in der Woche, an dem ich mich nur der Musik widme und einen Tag, an dem ich mich ausschließlich um meine Krisenwandler-Webseite kümmere. So kann ich mich besser fokussieren und weiß trotzdem, dass für die anderen Dinge dennoch Zeit ist.

Meine zweite Strategie hat ebenfalls mit konkreter Zeitplanung zu tun. Ich probiere die Dinge, die mir unter den Nägeln brennen, auf einen definierten Zeitraum zu verteilen. Das können vier Monate sein oder vielleicht auch vier Jahre. Und in dem Moment merke ich, dass ich doch relativ viel Zeit habe und dass es ja vielleicht doch realistisch ist, all diese Dinge irgendwann umzusetzen. Nur eben alles zu seiner Zeit. Beispielsweise habe ich Mitte diesen Jahres eine Phase gehabt, in der ich mehrere Monate gar nichts für meine Krisenwandler-Webseite geschrieben habe. Doch das war OK so. Denn ich wusste, die Zeit dafür würde wieder kommen. Schließlich hatte ich im November letzten Jahres auch eine Phase, in der ich mich ausschließlich diesem Projekt gewidmet habe.

Was mir ebenfalls extrem geholfen hat, ist zu wissen, dass es anderen auch so geht. OK, das ist jetzt vielleicht keine Strategie. Aber es tut immer gut, wenn man weiß, dass sich andere mit denselben Problemen quälen.

Für eine Sache habe ich bislang jedoch noch keine Lösung gefunden: Ich beschäftige mich immer mit der Frage, was wäre, wenn meine Lebenszeit doch viel kürzer ist, als ich es erwarte. Ein Thema, das mich schon lange beschäftigt. Sonst würde ich mich wohl auch nicht so sehr für Hospizarbeit interessieren. Wo diese Thematik herkommt, kann ich aber bestimmt noch mit meiner Therapeutin zusammen klären.

Wie sieht das bei euch aus? Seid ihr auch multipassioniert und findet euch in dem einen oder anderen wieder? Wie geht es euch damit? Eines würde mich natürlich sehr interessieren: Was sind eure Strategien, um mit eurer Multipassion umzugehen? Schreibt es gerne einfach in die Kommentare!


Weiterführende Literatur:

Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast (Barbara Sher)*

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**Titelbild des Beitrags by juan pablo rodriguez on Unsplash

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