Raus aus der Klinik – und dann?

Klinik Ausgang
Bildquelle: pixabay.com

Jeder, der schon einmal in einer psychosomatischen Klinik oder Ähnlichem war, kennt diese Situation. Da wird man die ganze Zeit so liebevoll umsorgt und will eigentlich gar nicht mehr gehen. Doch nach so und so vielen Wochen wird man entlassen, kommt nach Hause zurück und es fühlt sich alles an wie vor der Klinik. Schnell hat einen der Alltag wieder und man hat das Gefühl, es hat sich nichts verändert und man ist der Situation nicht gewachsen. Ein beschissenes Gefühl, das einen zermürben kann!
Das Gute ist: Man kann dem schon rechtzeitig entgegenwirken. Ich habe damals in der letzten Woche in der Klinik einen Plan geschrieben, wie ich die positiven Aspekte des Klinik-Alltags in meinen Alltag zu Hause integrieren kann. Diese 8 Punkte möchte ich in diesem Artikel vorstellen.
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1. Finde einen geeigneten Psychotherapeuten

… oder Psychotherapeutin.
Als ich damals aus der Klinik entlassen wurde, war dies der wichtigste Punkt, den man mir mit auf den Weg gab. Denn allen Beteiligten (inklusive mir) war klar, dass mein Weg noch längst nicht abgeschlossen war. Da war noch sehr viel zu bearbeiten und ich war doch noch sehr instabil. Außerdem gab es mir ein gutes Gefühl, zu wissen, dass da jemand an meiner Seite ist, der mich begleiten würde. Zum Glück erwies sich dieses Unterfangen für mich als keine große Hürde. Ich fand schnell eine Therapeutin, der ich auch heute noch vertraue. Und das ist wahrlich nicht selbstverständlich. Viele Patienten warten ewig auf einen Therapieplatz.
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2. Finde einen geeigneten Arzt

So wie ich in der Klinik einen Oberarzt hatte, der über meine Entwicklung immer Bescheid wusste, wollte ich auch in der Welt da draußen außerhalb der Klinik jemanden haben, der ein Auge auf mich hatte.
Also suchte und fand ich eine Psychiaterin, zu der ich einmal im Monat ging. Das diente für mich einerseits dazu, regelmäßig meine Krankschrift für das Jobcenter zu bekommen. Andererseits war es gut, jemanden zu haben, der mich im Notfall wieder in eine Klinik hätte überweisen können. Doch dazu kam es zum Glück gar nicht. Im Gegenteil: Nach zweieinhalb Jahren brauchte ich diese monatlichen Termine nicht mehr.
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3. Habe eine Notrufnummer

Das schöne an der Zeit in der Klinik war, dass immer jemand für einen da war – tags und nachts. Selbst wenn man nicht gerade in einer Therapiestunde war, konnte man sich zu jeder Uhrzeit an das Pflegepersonal wenden. Dies konnte einen schon enorm beruhigen. Allein das Wissen darum, dass immer jemand da ist, der zur Not ein offenes Ohr hat.
Also musste ich etwas Ähnliches finden, das ich in meinen Alltag integrieren konnte. Ich entschied mich dazu, schon vor meiner Abreise die Telefonnummer einer Seelsorge in meinem Handy zu speichern.
Letztlich habe ich sie seitdem nie angerufen. Und doch machte es absolut Sinn, diese Absicherung zu haben, da es mich insgesamt beruhigte, zu wissen, dass da jederzeit jemand da wäre zum Reden.
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4. Lebe mit dem Biorhythmus

Es war für mich anfangs ein wenig ungewohnt, feste Essenszeiten zu haben. Und trotzdem tat es mir langfristig gut, weil es mir Struktur in meinen Alltag brachte. Außerdem ist es auch wissenschaftlich erwiesen, dass es gesund ist, mit dem Biorhythmus zu leben. Ich persönlich finde es deshalb gut, weil ich so am meisten vom Tageslicht mitbekomme und ich bin jemand, der das Licht einfach braucht. Ich bin nämlich auch ein Sommer-Mensch, dem im Winter stimmungsmäßig die Dunkelheit zu schaffen macht.
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5. Mache Wochenpläne

In der psychosomatischen Klinik war es gewöhnlich so, dass wir samstags zum Mittagessen den Therapie-Plan für die nächste Woche bekamen. Dort standen nicht nur Einzel- und Gruppentherapien drauf, sondern auch Sport- und Massage-Maßnahmen. Ebenfalls wie die festen Essenszeiten gab einem dieser Plan Struktur im Alltag und somit auch so etwas wie einen Sinn für die nächsten Tage. Wenn man morgens aufstand, wusste man schon, was man vor hatte. Und das fühlte sich für mich gut an. Also wollte ich genau so etwas auch in meinem Alltag nach der Klinik haben. Bis heute schreibe ich mir solche Wochenpläne, in die ich alle möglichen Termine, Kleinigkeiten und auch Aufgaben im Haushalt aufschreibe wie zum Beispiel: Wäsche waschen, einkaufen gehen, Bad putzen, Therapiestunden, lange Spaziergänge, Wohnung saugen, etc. So habe ich nach wie vor eine Struktur und einen Sinn im Alltag. Und das Schöne im Gegensatz zu den Wochenplänen aus der Klinik ist, dass ich sie ja jetzt selbst gestalte und dabei spüre, dass ich mein Leben selbst bestimme und gestalte. Und das wiederum ist sehr therapeutisch!
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6. Gehe in Kontakt

Ich persönlich hasse den Ratschlag „Geh unter Leute!“, den viele Leute depressiven Menschen geben, denn so einfach läuft das nicht. Es kommt nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität an. In der Fußgängerzone einer großen Stadt ist man beispielsweise unter Leuten und doch gleichzeitig ein Fremder unter Millionen, weil man ja doch nicht mit den anderen Menschen dort verbunden ist. Das Geheimnis liegt also darin, Situationen zu suchen, in denen man Menschen findet, gegenüber denen man bereit ist, sich zu öffnen. Für mich waren das anfangs Therapie- und Selbsthilfegruppen und später auch Treffen von alternativen Communities (solche nach Hippie-Vorbild). Trotzdem besteht natürlich auch die Chance, dass man im Alltag Gleichgesinnte findet. Aber ich denke, da dauert es einfach länger, bis man herausgefunden hat, wie viel man von sich erzählen möchte.
Insgesamt glaube ich jedoch auch, dass dieser Punkt sehr individuell ist und jeder für sich herausfinden muss, wie er mit Menschen in Kontakt kommen kann.
Und ich muss ergänzen, dass es mir an ganz schlechten Tagen auch geholfen hat, mich einfach in Bus oder Straßenbahn zu setzen und ein bisschen rum zu fahren. Es war allemal besser, als alleine zu Hause rum zu schmoren.
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7. Bewege dich

Dieser Punkt deckt sich auch ein wenig mit dem vorherigen, denn schließlich werden viele Sport- und Bewegungsangebote in Gruppen angeboten. Ich beispielsweise hatte in der Klinik so gute Erfahrungen mit Qi Gong gemacht, dass ich mir gesagt habe: „OK. Wenn ich hier raus bin, suche ich mir zu Hause eine Qi Gong Gruppe.“ Zumal gerade Qi Gong die Gesundheit so maßgeblich unterstützt.
Aber es muss nicht unbedingt Qi Gong sein. Jeder hat so seine Lieblingssportart, die er gerne betreibt. Mancher geht gerne schwimmen, ein anderer radelt gerne und wieder ein anderer spielt vielleicht gerne Tischtennis.
Es muss aber nicht zwangsweise eine klassische Sportart sein. Ich persönlich habe nach der Klinik-Zeit das gemütliche Spazierengehen für mich entdeckt, da die Kräfte fürs Joggen noch nicht reichten. Und Spazierengehen ist halt echt ein starkes Antidepressivum, das man jederzeit verwenden kann. Denn Laufstrecken gibt es (fast) überall.
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8. Sorge gut für dich

Was ich damit meine, ist alles, das unter die Rubrik „Selbstliebe“ fällt. Ich habe zu dem Thema auch schon mal einen Leitfaden geschrieben.
Was mir nach der Klinik-Zeit enorm wichtig war: Ich wollte mein Zuhause endlich zu einem Ort machen, an dem ich mich auch wohlfühlte, weil das früher nie der Fall war. Ich bezeichnete das Ganze als mein „Projekt Nest“ in Anlehnung an einen Vogel, der sein Nest einrichtet, um zur Ruhe zu kommen und sich wohl zu fühlen.

Vielleicht habt Ihr ja auch noch ein paar Tipps parat, die ihr ergänzen möchtet? Gerne könnt ihr das in den Kommentaren tun.

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