So war meine erste Raufparty

Raufparty
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Ich bin jemand, der gerne neue therapeutische Angebote ausprobiert, da ich nichts unversucht lassen will, um meine Psyche zu heilen. Für dieses Jahr hatte ich mir fest vorgenommen, eine so genannte Raufparty zu besuchen, bei der man sich unter therapeutischer Leitung spielerisch balgt. An einem Freitagabend im Februar war es dann soweit.
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Warum ausgerechnet Raufparty?

Es gibt durchaus ein paar Gründe, warum ich unbedingt auf eine Raufparty wollte. Zum einen ist meine chronische Wut ein großes Lebensthema von mir und diese ist seit Anfang des Jahres besonders stark zu spüren. Da ich mittlerweile von Trommeln und Rumschreien in der Einzeltherapie genug habe und es ein Gegenüber braucht, musste also was Neues herhalten. Eine weitere Motivation für das Besuchen einer Raufparty war meine fehlende Rauf-Erfahrung in der Kindheit. Ich habe mich nie gerauft und schon gar nicht geprügelt, was mir momentan etwas zu schaffen macht, weil man das doch als echter Mann einmal in seinem Leben getan haben muss. Sagt man. Und finde ich auch. Es ist etwas ganz Natürliches. Selbst Tiere tun es. Wer Katzen oder Hunde zu Hause hat, weiß, was ich meine. Zurück zum Thema Männlichkeit: Der Weg zum echten Mann ist ein zentrales Thema in meinem Persönlichkeitsprozess. Ich mache zwar Taiji (was mehr Bewegungskunst als Kampfsport ist). Aber würde ich mal körperlich angegriffen, würde ich mich trotzdem nicht wehren, da sich diese Opferhaltung schon so sehr eingeprägt hat bei mir. Wenn ich als Kind oder Jugendlicher von Gleichaltrigen geschubst wurde, habe ich das einfach hingenommen. Und würde das heutzutage wohl auch noch so tun. Doch aus dieser Haltung will ich mich befreien. Also: Auf, auf zum Raufen…
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Wie genau läuft eine Raufparty ab?

Insgesamt lief die Raufparty in mehreren Phasen ab. In der ersten ging es darum, sich aufzuwärmen; in der zweiten wurden Spiele gespielt; und in der dritten gab es Eins-gegen-eins-Ringkämpfe auf Matten. Wobei man dazu sagen muss, dass alles nach ganz strikten Regeln abläuft, damit niemand verletzt wird und der Spaß sowie die gegenseitige Wertschätzung im Vordergrund stehen. Zumindest in der Theorie.

In der Aufwärmphase wurde ein bisschen getanzt. Nix Spektakuläres, sodass ich nicht weiter darauf eingehen will.
Die Spielphase bestand aus mehreren Spielen. Und auch wenn diese sich von Raufparty zu Raufparty wahrscheinlich unterscheiden, will ich ein paar der Spiele kurz beispielhaft beschreiben.
Spiel 1: Schlagen mit Schaumstoff-Stangen. Wir alle bekamen eine Schaumstoff-Stange, mit der wir uns gegenseitig schlagen durften. Das Schöne dabei war, dass egal wie fest man geschlagen wurde, den Schlag nicht als schmerzhaft empfand. Das war ein Heidenspaß! Empfindliche Körperregionen wie Gesicht waren dabei selbstverständlich tabu.
Spiel 2: Brücken bauen. Die Gruppe wurde in zwei Hälften geteilt. Die eine bildete mit dem Körper eine Brücke; die andere Hälfte musste mit verbundenen Augen darunter durchkriechen, wobei die Brücken-Leute es ihnen so schwer wie möglich machen sollten.
Spiel 3: Wäscheklammern. Jeder bekam drei Wäscheklammern an den Pulli geheftet und musste sich weitere dazu klauen beziehungsweise seine eigenen vor den Angriffen der anderen schützen.

Nach den Spielen kam es zum so genannten „Play Fight“, bei dem Zweierkämpfe auf den herumliegenden Matten ausgetragen wurden, während der Rest zuschaute. Keiner musste kämpfen. Man konnte einen Gewinner herausfordern oder sich mit jemandem zu einem Kampf verabreden. Die Kämpfe fanden kniend statt und Ziel war es, den anderen zu Boden zu ringen. Dementsprechend ging es sehr viel um Festhalten, Schubsen, Stoßen, Losreißen und Herausdrehen aus Umklammerungen. Auch Kitzeln und verbale Spielereien standen auf dem Programm. Schlagen war jedoch tabu.
Nach dem Raufen folgte eine kleine Pause zur Stärkung und ein finaler Kuschel-Teil. Klassisches Gruppenkuscheln wie man es von Kuschelpartys kennt.
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So habe ich es empfunden

Alles in allem war es eine interessante und sehr neue Selbsterfahrung, um herauszufinden, wie stark ich bin und wie ich meinen Körper als Werkzeug einsetzen kann. Gleichzeitig war es sehr schockierend für mich, festzustellen, wie wenig Erfahrung ich im Umgang mit meinem eigenen Körper hatte. Das Lösen aus Umklammerungen war zum Beispiel etwas komplett Neues für mich. Da habe ich anscheinend viel nachzuholen, weil ich als Kind keine derartigen Erfahrungen gemacht habe.

Die Spiele haben saumäßig viel Spaß gemacht. Es war einfach schön, nochmal Kind sein zu dürfen. Das Brücken-Spiel hat mich aber auch ein wenig geflasht, da es mich zu meiner Geburt zurück geführt hat. Ich glaube, es hat im Unterbewusstsein irgendetwas angestoßen. Vor allem aber habe ich mich bei diesem Spiel an den Rippen verletzt (eine Rippenprellung, wie ich mittlerweile weiß). Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich vergessen hatte, meinen Schmuck auszuziehen oder daran, dass manche Leute das Spiel zu ernst genommen haben.
So war ich also für den Rest der Raufparty etwas eingeschränkt und musste bei einem Spiel sogar zuschauen, was sich extrem bitter angefühlt hat. Es war ein Déjà-Vu aus der Kindheit. Damals hatte ich sehr viele Sportverletzungen, die mich außer Gefecht setzten. Als ich bei der Raufparty dann phasenweise Zuschauer war, machte mich das richtig traurig. Es war, als würde ich die anderen Kinder sehen, wie sie spielten, während ich nicht konnte. Der Schmerz in der Brust war, wie die Stimme meiner Mutter zu hören, die sagte: „Siehst du, Raufereien sind gefährlich. Das ist nichts für dich. Besser du spielst nicht mehr mit den anderen.“ Es hat mich isoliert. Damals. Heute.

Ich hatte also genau die gegenteilige Erfahrung gemacht von dem, was ich eigentlich erleben wollte. Anstatt zu erfahren, dass Raufen positive Effekte auf mich hat und es gut ist, zu kämpfen, war da genau die andere Seite. Die Verletzung war wie eine Bestrafung für den Mut, zu kämpfen. Und dadurch dass ich häufig im Kampf auf der Matte unterlegen war, wurde ich bloß in meiner fehlenden männlichen Stärke bestätigt. Denn beim Play Fight war ich nicht in meiner vollen Kraft und verlor fast jeden Kampf. Trotzdem nahmen die anderen auch Rücksicht auf mich und es war ein sehr fairer und achtsamer Umgang mit Handshake und Bedanken. Das fand ich von der Atmosphäre her schon toll.
Und auch das Kuscheln am Ende machte Sinn, denn da hatten wir uns alle nach all den Kämpfen wieder lieb.
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Wie lautet also das Fazit?

So seltsam das auch klingen mag: Ich komme zu dem Schluss, dass der Schmerz und die Verletzung, welche bis zu sechs Wochen(!) anhalten können, es wert waren, dass ich dafür all die neuen Erfahrungen machen konnte. Denn was habe ich in meinem Leben nicht schon alles verpasst, nur weil etwas Schlimmes hätte passieren können? Meine Angst hat so viel verhindert. Und es waren ja auch sehr viele schöne Erlebnisse bei der Raufparty dabei.
Im ersten Moment überwiegt bei mir der positive Trotz: Ich will mich nicht von den Schmerzen einschüchtern lassen und werde nochmal auf eine Raufparty gehen, zumal ich so viel nachzuholen habe im spielerischen Raufen. Manches Risiko muss man halt in Kauf nehmen und ein Leben ohne Schmerz gibt es sowieso nicht – sowohl körperlich als auch seelisch. Bedeutet: Ich werde so lange auf Raufpartys gehen, bis ich ein kraftvoller Mann geworden bin!

Ein paar Tage später meldet sich jedoch auch der Pessimist in mir und sagt: „6 Wochen verletzt sein und auf Sport und andere schöne Dinge verzichten zu müssen, will ich bloß nicht nochmal! Wenn ich jedes Mal Angst haben muss, langfristig eingeschränkt zu sein, ist es das nicht wert.“
Es läuft wohl auf einen Kompromiss hinaus. Schön wäre eine Raufparty, bei der das Verletzungsrisiko durch die Gestaltung des Programms schon minimiert wird. Denn dass Raufen als solches gut tut, daran habe ich gar keine Zweifel.

Der Krisenwandler ist auch auf Facebook und bei Twitter sowie Instagram zu finden.

 

2 Gedanken zu „So war meine erste Raufparty

  1. Hi!
    Super dass du den Mut hattest an so einer Party teilzunehmen! Ich weiß nicht ob ich das machen könnte…zuviel Körperkontakt 😉
    Und hier ein Input für dich.

    Der Punkt wo du verletzt warst und traurig weil du nicht mitmachen konntest, war genau der wo du ansetzen musst. Ich formuliere das jz bewusst provokant: Scheiß auf die Schmerzen! No ris, no fun. Diese Erfahrung bringt dich weiter und bringt dich zu dir, trotzdem weiter zu machen. So wie es in der Natur auch wäre.
    Alles Gute auf deinem Weg!

    1. Hallo Babs,

      vielen lieben Dank für deinen Kommentar!

      Mittlerweile ist seit dieser Erfahrung für mich fast ein dreiviertel Jahr vergangen und es hat langfristig einiges in mir verändert. Genau jene „Scheiß drauf“ Haltung hat sich jetzt in meinem Leben im positiven Sinne manifestiert. Sie hat in gewisser Weise die Angst verdrängt. Von daher kann ich dir voll zustimmen.

      LG
      Didi

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