Therapeutisches Schreiben

Schreiben
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Schreiben ist ein tolles therapeutisches Werkzeug. Im aktuellen Will Smith Film „Verborgene Schönheit“ zum Beispiel schreibt der Protagonist Briefe adressiert an Tod, Zeit und Liebe. Aber es gibt noch so viel mehr Möglichkeiten, sich Dinge von der Seele zu schreiben.

Bei mir fing das therapeutische Schreiben 2015 in der Klinik an. Ich hatte eine Nacht voller Grübeleien und Alpträumen hinter mir und fragte mich: Wie soll ich mir all diese Gedanken behalten können, um sie in der Einzeltherapie anzusprechen? Unmöglich. Ich suchte mir einen kleinen Block und einen Stift und fing an, alles aufzuschreiben, was in mir vorging. Es war völlig ungeordnet, da ich in meinem Zustand nicht in der Lage war, das Ganze auch noch zu strukturieren. Aber ich wusste auch, dass das in dem Moment egal war. Ordnen könnte ich es später immer noch. Zur Not zusammen mit der Therapeutin, mit der ich all dies bespreche. Als ich fertig war, hatte ich zwei oder drei Seiten voll und ich spürte, es sollte nicht der letzte Eintrag in diesem kleinen Block sein. Ich sah ihn ab sofort als eine Art Klinik-Tagebuch an, in das ich jederzeit alles – jedes Gefühl und jeden Gedanken – würde hineinschreiben können. Zu guter Letzt gab ich dem kleinen Block noch einen Namen, um ihn von anderen Schreibunterlagen unterscheiden zu können. Schließlich sollte hier nur Therapie-Kram rein und nichts anderes. Nach kurzem Grübeln fiel mir ein toller und kreativer Titel ein: „Cuckoo Nest Revelations“ – auf deutsch „Kuckucksnest-Offenbarungen“. Es war eine Anspielung auf den Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ mit Jack Nicholson in der Hauptrolle. (Manchmal habe ich mich in der Klinik gefühlt wie er.) Im englischen Sprachgebrauch bedeutet Kuckucksnest so viel wie Irrenhaus. Passenderweise war auf der Vorderseite des Blocks auch noch ein Papiervogel abgebildet… 🙂

Der letzte Eintrag in dem Block war, wie ich es schaffen könnte, positive Aspekte des Klinik-Alltags in meinen Alltag zu Hause zu integrieren. Seitdem hat sich das Format des Blockes (beziehungsweise der Blöcke) von DIN A5 auf DIN A4 geändert, um dem Umfang meiner Gedankenflut gerecht zu werden.

Die ersten Tage zu Hause nach der Klinik waren so unglaublich schwierig und ich war sehr allein mit meinen Problemen auf einmal wieder, sodass ich in dieser Zeit wieder ganz viel aufschrieb. Ich fand zum Glück sehr schnell eine Psychotherapeutin und hatte erstmal wieder jemanden zum Reden. Dennoch war es hier in der Anfangszeit so, dass sich die therapiefreien Tage wie eine Ewigkeit anfühlten, die ich überbrücken und durchhalten musste, was gerade bei Panikattacken unheimlich hart sein kann. Deshalb schrieb ich auch in dieser Phase viel, um es dann in der nächsten Therapiestunde vorzulesen. Häufig stellte ich mir schon beim Schreiben vor, wie ich später meiner Therapeutin in der Praxis gegenüber sitzen würde, um all das vorzulesen. Dies half mir, schon beim Schreiben meinen Gefühlen freien Raum zu lassen. Das fühlte sich befreiend und gut an.

Mittlerweile habe ich zum Glück mehr Menschen um mich herum, von denen ich weiß, dass ich ihnen die Dinge erzählen kann, die mich bewegen. Und ich kann meine Gefühle offen zeigen. Trotzdem gibt es nach wie vor Situationen, in denen ich schreibe. Doch was kann man alles aufschreiben?
Hier ein paar Beispiele:

  • Briefe an sich selbst, an Verwandte, Freunde oder Verstorbene
  • Verträge mit sich selbst
  • das klassische Tagebuch
  • Dinge, die einen emotional bewegen
  • Erkenntnisse, die man nicht vergessen möchte
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Wie schreibt man?

Häufig, wenn ich längere Zeit nichts mehr geschrieben habe, bekomme ich Angst, ich hätte das Schreiben verlernt. Was soll ich aufschreiben? Wie? Wo fange ich an? Besonders schlimm ist es in Situationen, in denen es mir schlecht geht, ich aber nicht weiß warum. Was soll ich da denn aufschreiben? Die Antwort lautet: genau dies. Dann schreib ich eben: „Mir geht es beschissen und ich habe keine Ahnung weshalb, denn eigentlich ist doch alles gut im Moment.“ Das Gute ist: In 90% der Fälle kommen die Lösungen während dem Schreiben. Ich reflektiere, woran es liegen könnte und dann kommen peu à peu die Erkenntnisse. Und im Nachhinein bin ich immer wahnsinnig froh, dass ich es aufgeschrieben habe, sonst wäre ich überhaupt gar nicht zu der Erkenntnis gekommen.
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Reden ist noch besser

Trotz allem gilt: Wenn man jemandem zum Reden hat, ist es immer besser, als es mit sich selbst auszumachen und aufzuschreiben. Aber bevor man es für sich behält, dann doch lieber auf Papier bringen! Also: Schreiben ist Silber. Reden ist Gold.

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