Vaterschaftstest. Jetzt also doch.

Vaterschaftstest
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Wo fange ich nur an? Wie sinnbildlich – ist diese Frage doch fast doppeldeutig zu verstehen. Schließlich führt es mich momentan zurück zu meinen Ursprüngen. Trotzdem muss ich auch dazu sagen, dass ich die meiste Zeit meines Lebens nie angezweifelt habe, dass mein Vater auch mein leiblicher Vater ist. Wie kam es also nun dazu?
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Ein Rückblick

Während meiner Kindheit gab es nicht den geringsten Grund, infrage zu stellen, ob meine Eltern auch meine leiblichen Eltern sind. Natürlich hatte ich viele Konflikte mit ihnen, aber es war jetzt nicht gerade so, dass sie sich fremd für mich anfühlten oder so. Auch optisch gab es keinen Hinweis zu zweifeln. Die Ähnlichkeiten waren gegeben.

Die ersten Zweifel in mir kamen nach dem Eltern-Gespräch mit meinem Vater in der psychosomatischen Klinik auf. Der Oberarzt wollte meinen Vater unbedingt zu diesem Gespräch unter acht Augen einladen (zwei Therapeuten, mein Vater und ich). Zu diesem Zeitpunkt hatte ich meinen Vater fast zwei Jahre nicht gesehen, weil ich Abstand brauchte. Und wenn der Wunsch des Oberarztes nicht gewesen wäre, hätte die Auszeit zwischen uns auch noch ein bisschen angedauert. Das besagte Eltern-Gespräch war auf jeden Fall echt harter Tobak. Viele unangenehme Themen. Kindheit. Konflikte. Missverständnisse. Aber ich denke, dass die Themen für meinen Vater genau so unangenehm waren wie für mich. Besonders als es um meine Zeugung ging. Zum einen erzählte er von der Tatsache, dass meine Mutter und er jahrelang erfolglos probiert haben, Nachwuchs zu bekommen und dass sie ihm die Schuld dafür gegeben hatte, dass es nicht klappte. Es zeigte sich aber andererseits auch, dass sie ihn eigentlich nur als Erzeuger ausgenutzt hat, um ihren Kinderwunsch zu realisieren. In diesem Zusammenhang darf man dann auch durchaus von Missbrauch sprechen. Sie hat ihn für ihre Zwecke missbraucht.

Nach diesem Gespräch stellte ich mir die Frage: Wie weit wäre meine Mutter gegangen, um ihren Wunsch nach der Schwangerschaft zu realisieren? Ich hatte schließlich den Eindruck, dass sie alles dafür getan hätte. Und so kamen zum ersten Mal langsam Zweifel daran auf, ob mein Vater auch wirklich mein Erzeuger sei.
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Der Umgang mit meinen Zweifeln

Also? Was habe ich gemacht? Ich habe meine Mutter darauf angesprochen, um zu erfahren, ob an der Theorie was dran sein könnte. Antwort: „Ja, ich weiß, dass dein Vater das damals immer in Frage gestellt hat, aber dafür gibt es gar keinen Grund.“ Mit dieser Aussage hat meine Mutter allerdings nicht für Klarheit gesorgt, sondern vielmehr meine Zweifel genährt. Denn es erschien mir schon etwas seltsam, dass mein Vater damals die selben Zweifel hatte wie ich heute. Außerdem hatte ich ohnehin generell das Gefühl, meine Mutter würde mir sehr viele Informationen über mich und meine Kindheit geheim halten. Folglich begleitete mich die Frage nach der Vaterschaft weiterhin. Und zwar sehr.

Sie beschäftigte mich so sehr, dass ich permanent Szenarien entwarf, wer mein leiblicher Vater sein könnte, falls es nicht mein „Großziehvater“ sei. Etwas Klarheit erhoffte ich mir durch eine Familienaufstellung zu gewinnen. Es war meine erste Aufstellung und leider auch eine der wenigen, die kein klares Ergebnis brachte. Das Einzige, das sie offenbarte, waren die ganzen großen Fragezeichen innerhalb des Systems. Es war eine Ungewissheit, die jedes einzelne Familienmitglied spürte. Mir blieb für den Moment nichts anderes übrig, als das so hinzunehmen und zu hoffen, dass meine Eltern – zumindest einer von beiden – auf mich zu kommt und mir die Wahrheit sagt. Falls es denn überhaupt so etwas wie ein Geheimnis gibt. Denn ich zweifelte natürlich auch gleichzeitig an der Theorie. Und ich zweifelte an mir. Mit welchem Recht stelle ich hier alles in Frage? So richtige Belege habe ich dafür schließlich nicht.
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Temporäres Verschwinden der Zweifel

Mit der Zeit rückte die Thematik in meinem Leben in den Hintergrund. Aber sie verschwand nicht; sie waberte vielmehr noch im Unterbewusstsein herum. Immer wieder kamen mal Phasen, in denen ich mich mit der Frage beschäftigte – mal intensiver, mal weniger intensiv.

Als die Frage Anfang diesen Jahres mal wieder aktuell wurde, gab mir dies zu denken: Noch immer macht mir das Thema zu schaffen. Noch immer ist es nicht gelöst. Und vermutlich wird es immer und immer wieder kommen, solange ich nicht selber für Klarheit sorge. Irgendwann hatte meine Therapeutin mal ganz flachs gesagt: „Mach‘ doch einfach mal einen Vaterschaftstest, damit du Klarheit hast!“ Beim ersten Mal habe ich diese Möglichkeit nicht ernsthaft in Betracht gezogen. Als das Thema Anfang diesen Jahres wieder aktuell wurde, dachte ich das erste Mal ernsthaft über einen Vaterschaftstest nach. Und je länger ich darüber sinnierte, desto gewisser wurde es in mir: „Es ist notwendig. Wenn ich es tue, wird es mich freier machen und endlich Klarheit und Sicherheit in mein Leben bringen.“ Ich schätze, meine Therapeutin wusste dies die ganze Zeit schon, aber sie wollte, dass ich selbst zu dieser Erkenntnis gelange.
Dieser Entschluss warf die nächste Frage auf:
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Wie erkläre ich es meinem Vater?

Dass ich den Test nicht gänzlich heimlich durchführen würde, war schnell klar. Meinem Vater ein Haar aus dem Kamm zu stehlen, wäre nicht mein Stil. Zumal die Wahrscheinlichkeit, ein Haar zu finden aufgrund der nicht vorhandenen Dichte seines Haarwachstums nicht allzu hoch gewesen wäre. Naja, wie dem auch sei. Die gute Nachricht war jedenfalls: Zum ersten Mal war ich mir einer Sache klar – ich müsste meinem Vater von dem Test erzählen. Die schlechte Nachricht war: Ich hatte keine Ahnung wie… Es ihm unter vier Augen zu sagen, schaffte ich einfach nicht, sodass zwei zusätzliche Augen herhalten mussten, die meine Therapeutin besteuerte. Heißt konkret: Ich vereinbarte ein Eltern-Gespräch mit meiner Therapeutin, meinem Vater und mir. Ich ließ mir nicht in die Karten blicken gegenüber meinem Vater, worum es ging. Aber ich glaube, er spürte, dass etwas im Busch war.

Ich bereitete mich auf das Gespräch vor und überlegte, wie ich den Vaterschaftstest begründen sollte.
Ich gelangte dabei zu einer Erkenntnis, die sehr wertvoll war: Es ist, als würde diese Ungewissheit um die Vaterfrage mir im Weg stehen und mich daran hindern, mich weiterzuentwickeln und endlich meinem Leben nachzugehen. All den Dingen, die mir Spaß bereiten. Solange ich keine Klarheit darüber habe, wer mein Vater ist, fehlt mir so etwas wie meine Wurzeln. Erst mit diesen Wurzeln und der Klarheit hätte ich die Kraft, mich endlich selbst zu verwirklichen. Mich zu entfalten.

Außerdem war meine chronische Erschöpfung im Bezug auf das Vaterschaftsthema interessant. Ich hoffte, sie würde durch den Mut zum Test auch verschwinden. Meine Klinik-Therapeutin Frau W meinte einst, Erschöpfung sei eine psychosomatische Reaktion auf Ohnmacht. Ich sei erschöpft, weil ich das Gefühl hätte, mein Leben nicht selber in der Hand zu haben. Und sie analysierte, dass diese Ohnmacht etwas sei, das ich mir von meinem Vater mehr oder weniger „abgeschaut“ hätte. Darum kam ich zu dem Entschluss, dass die Ohnmacht uns deshalb verbinde, weil es unsere beider Unfähigkeit war, die Echtheit der Vaterschaft zu überprüfen. Denn wie gesagt: Mein Vater zweifelte damals schon daran, als ich noch nicht mal geboren war. Und ich denke, dass ich diese Zweifel gespürt und „übernommen“ habe. Solche Dinge passieren in Familiensystemen unterbewusst – wie ich mittlerweile weiß.

Die Hoffnung war also, dass meine chronische Erschöpfung allein durch das Durchführen des Tests verschwinden würde.
Es war eine tolle Erklärung gegenüber meinem Vater, warum ich den Test machen will. Gleichzeitig war es eine tolle Erklärung gegenüber mir selbst, kein schlechtes Gewissen bei diesem Unterfangen zu haben.
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Das Geständnis

Das Gespräch mit meinem Vater lief dann super ab. Wir kamen beide schnell zu dem Konsens, dass das Ergebnis des Vaterschaftstests – egal wie es ausfallen sollte – nichts zwischen uns ändern würde. Das war sehr erleichternd für mich, denn er hätte mir ja auch den Vogel zeigen können für diese vermeintlich verrückte Idee. Innerhalb dieses Sechs-Augen-Gesprächs erzählte meine Therapeutin auch, dass sie so Tests häufig bei Klienten veranlasst und dass statistisch jedes siebte Kind ein Kuckuckskind ist. Sie gab mir eine Internet-Adresse, unter der ich den Test bestellen konnte. Dies tat ich auch relativ zügig, da ich nun keine Zeit mehr verlieren wollte.
Das Ganze läuft so ab: Man bestellt online die Utensilien für den Test (Formulare und Teststäbchen). Man füllt die Formulare aus, macht eine DNA-Probe und schickt alles wieder zurück. Dann erhält man irgendwann das Ergebnis, nachdem die Kosten von 160 Euro bezahlt sind.

Vor ein paar Tagen kam dann das Test-Päckchen an. Es war ein seltsames Gefühl, es in der Hand zu halten. Es wog mehr als die eigentlichen paar hundert Gramm für mich. Die Bedeutung und Last dieses Tests spürte ich ganz deutlich, als ich das Paket in meinen Händen hielt.
Ein paar Tage später traf ich mich mit meinem Vater, um die Formulare gemeinsam auszufüllen und dann die Abstriche zu machen. Dies muss man allerdings unter Aufsicht eines Zeugen machen. Die vier Möglichkeiten hierzu sind Anwalt, Behörde, Arzt oder Apotheker. Von diesen Möglichkeiten war uns der Apotheker am liebsten. Also fuhren wir zur nächsten Apotheke.
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15 bizarre Minuten in der Apotheke

Natürlich war die Situation sehr unangenehm. Ich ergriff das Wort und erklärte, dass ich online einen Vaterschaftstest bestellt habe und wir diesen nun unter Aufsicht eines Zeugen machen wollen. Mein Vater meinte zur Chefin der Apotheke: „Ich nehme an, Sie haben das bestimmt schon ein paar Mal gemacht…“ Sie entgegnete: „Ähm, nein. Ich sehe das jetzt zum ersten Mal.“ Sie nahm die Formulare und las sie penibel durch. Dann bat sie uns „mit nach hinten“ zu kommen, wo wir einer nach dem anderen die Abstriche an den Innenseiten unserer Wangen machten. Meine Güte, das war eine knisternde Anspannung! Sie versiegelte die Proben und schickte sie weg.

Es war geschafft. Mittlerweile steht das Ergebnis fest…

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