Vom Überwinden einer Depression [Kurzgeschichte]

Kurzgeschichte
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Es war einmal ein junger Mann, der mit seinem Leben nicht zufrieden war. Die gesamte Welt, von der er umgeben war, schien dunkel und böswillig zu sein. Das färbte auf ihn ab, sodass er sich traurig und niedergeschlagen fühlte. So konnte es nicht weitergehen, dachte er bei sich und beschloss deshalb, auch selber nicht mehr weiterzugehen auf seinem Lebensweg. Am Wegesrand war eine Schaukel, auf die er sich setzte. Dort saß er und saß. Mit trotziger Miene.

„Nein, ich gehe keinen Schritt mehr weiter“, sprach er zu sich, während er auf den Boden starrte. Was vor ihm lag, wollte er gar nicht wissen. Es würde ja nur genau so frustrierend sein wie alles, das er bisher gesehen und erlebt hat.

Nun saß er schon eine Weile da – auf den Boden starrend. Da packte ihn so allmählich die Neugier und er lunste zumindest mit einem Auge nach vorne. Licht! Das weckte seine Neugier noch mehr und er blickte mit beiden Augen nach vorne. Da sah er noch mehr Licht und er spürte auf einmal so eine Wärme. Er musste blinzeln, da seine Augen die Sonne gar nicht gewöhnt waren. „Was mag nur hinter diesem Dickicht liegen?“, fragte er sich. Er würde es gerne herausfinden, aber dazu müsste er beginnen, sich mit der Schaukel nach oben zu schwingen. Was jedoch auch dazu führen würde, dass ihn die Schaukel jedes Mal wieder nach hinten schwingen würde. Nach hinten in die Dunkelheit. Der junge Mann blickte noch einmal voller Angst und Ehrfurcht hinter sich. Dunkelheit. Nebel. Kälte. „Nein! Nie wieder! Da bleibe ich lieber hier und harre ewig aus!“, murmelte er. Doch wie eine verlockende Stimme strahlte ihn das Licht der Vorderseite an. „Na gut“, dachte er, „wenigstens einen Blick riskieren und die kurzzeitigen Schmerzen dafür in Kauf nehmen.“ Er schwang sich kurz nach vorne und erlebte nicht nur das Licht und die Wärme, sondern er erkannte plötzlich auch viele kleine Details einer viel schöneren Welt. Aus seiner Vorahnung ist eine Vision geworden. Er war so fasziniert davon, dass ihn der Umschwung nach hinten richtig in Schock versetzte. Als die Schaukel nämlich nach hinten schwang, war er genau mit dem Gegenteil konfrontiert. Es war eine kalte Welt, in der er sich richtig schlecht fühlte. Er spürte es in Form von Herzschmerzen. Und auch das Atmen fiel ihm schwer inmitten der Nebelschwaden. Er war so betroffen, dass er spontan anfing zu weinen. Als es ihn wieder zurück nach vorne in die Mitte schwang, hielt er erstmal an und weinte sich aus. „Ich will nicht mehr zurück“, dachte er, während sein Gesicht noch immer voller Tränen war.

Die Sonne strahlte ihn wieder von vorne aus an, als wolle sie ihm anbieten, die Tränen zu trocknen. „Na gut“, ermutigte er sich und gab sich nochmal einen Ruck in Form eines Schwingens nach vorne. Stärker als beim ersten Mal. Die Sonne trocknete nicht nur seine Tränen, sondern er sah dieses Mal noch mehr Details dieser neuen Welt. Sollte sie etwa noch schöner sein als zunächst angenommen? Vielleicht sogar zu schön, um wahr zu sein? Er war mittendrin in diesen Gedanken, da zog es ihn wieder nach hinten. Heftiger als beim ersten Mal. Richtig tief hinein in die alte Welt. Ebenso waren die Schmerzen, die er spürte, viel schlimmer als beim ersten Mal. Dieses Mal nicht nur im Herzen, sondern auch im Bauch. Sein Herz raste, sein Bauch krampfte und er musste sich übergeben. Auf dem Weg nach unten zur Mitte machte er diesmal nicht Halt, sondern schwang sich noch ein Stückchen stärker nach vorne. Er wusste nun, das Licht und die Wärme würden ihn trösten und heilen. Die Wunden waren gerade ausgeheilt, da zog es ihn wieder nach hinten. Zu den Schmerzen in Bauch und Herz gesellten sich dieses Mal auch noch Kopfschmerzen dazu. Und Gliederschmerzen. Er weinte, weil es grausam war, aber er konnte es ertragen. Als er sich nun mit all seinen Kräften nach vorne schwang, katapultierte er sich so weit nach oben, dass er sich an einem dicken Ast festhalten konnte. Großartig! Er musste nicht mehr zurück schwingen. Doch noch viel großartiger war, was er dort vor seinem Auge erblickte: In all ihrer Pracht und Herrlichkeit offenbarte sich ihm die helle, warme Welt. Plötzlich konnte er alles bis ins Detail sehen. Es war von unsagbarer Schönheit. Er blickte noch einmal zurück und akzeptierte die dunkle Welt als Teil dieses – seines – Lebens. Fortan würde er aber hier oben in der neu entdeckten Welt verweilen, die in ihrer unendlichen Fülle vor ihm lag und geradezu danach schrie, erkundet zu werden.

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