Was Stephen King’s ‚ES‘ mit meinen Depressionen zu tun hat

ES Depressionen
Bildquelle: Warner Bros.

Als ich vor ein paar Tagen mit meinem Bruder im Kino war, um das Remake des Stephen-King-Klassikers „Es“ zu sehen, hätte ich nicht gedacht, dass der Film mich dazu bewegt, diesen Artikel hier zu schreiben. Klar war mir schon immer bewusst, dass die Story eine viel größere Tiefe hat als die der meisten herkömmlichen Horrorfilme. Aber es brauchte jenen Kino-Abend, damit mir bewusst wurde wie überragend gut (sorry für die Superlative!) die Story ist.
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Meine Vorgeschichte zu „Es“

Zunächst einmal übte das Buch zu „Es“ seit meiner Kindheit eine unglaubliche Faszination auf mich aus. Es stand bei uns im Wohnzimmer im Regal – keine Ahnung mehr, ob es meiner Mutter oder meinem Vater gehörte. Irgendwann in unserer frühen Jugend beschlossen mein Bruder und ich, den 1990er-Film heimlich auf VHS-Kassette zu gucken. Diese stand ebenfalls in einem Regal im Wohnzimmer neben vielen weiteren Fernseh-Mitschnitten von bekannten Filmen auf VHS-Kassette. Wir schauten den Film stückchenweise, immer wenn unsere Eltern nicht zu Hause waren. Und wir waren von der Atmosphäre des Films begeistert, sodass er zu einem unserer absoluten Lieblingsfilme aller Zeiten wurde. Als dieses Jahr, 27 Jahre nach der ersten Verfilmung des Romans, ein Remake in die Kinos kommen sollte, war für uns schnell klar: Das müssen wir sehen! Zumal die Trailer vielversprechend waren.

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Das Kino-Erlebnis 2017

Trotz einer gewissen Erwartungshaltung, die durch die Trailer zustande kam, waren wir uns bewusst, dass man diesen Film nicht mit dem Original vergleichen dürfte, weil technisch einfach viel mehr möglich ist mittlerweile und das wiederum auch Einfluss auf die Gestaltung des Erzählstils haben würde. Und auch wenn der Film letztlich tatsächlich ganz anders gestaltet war als das Original, hat er mich von der ersten bis zur letzten Minute gefesselt. Zu meiner Überraschung musste ich aber im Nachhinein feststellen, dass er mich mehr emotional berührte, als dass er mich gegruselt oder schockiert hat. Obwohl viele solcher Schreckmomente – man nennt sie „Jump-Scares“ – da waren. Doch was vielmehr von Anfang bis Ende gegenwärtig war, war dieses seltsame Nostalgie-Gefühl. Dies lag wohl daran, dass die (vermeintlichen) Nebenstories der Kinder unglaublich viel Platz einnahmen. Immer wieder war ich kurz davor loszuheulen, sodass ich am Ende wie paralysiert aus dem Kino gegangen bin und den Rest des Abends einfach geflasht war. Aber wie konnte das passieren? Wie konnte ein Film, der eigentlich schockieren sollte, mich emotional so aus der Bahn werfen?
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Der emotionale Bezug

Ich denke, dass der Grund dafür die eben schon erwähnten Nebenstories sind, die so detailliert herausgearbeitet wurden, dass als Genre des Films teilweise von „Drama“ oder gar „Coming-of-Age“ die Rede ist, wenn man sich im Internet umschaut.

Meiner Meinung nach ist der Clown nur eine Art Metapher für die essentiellen Themen des Films: Ängste, Depressionen und (Kindheits-)Traumata. Das eigentliche Hauptthema des Films ist: Wie gehe ich mit meinen Ängsten um? Die Kinder, die ja allesamt aus unterschiedlichen Gründen Außenseiter sind, schließen sich zusammen, um den Clown gemeinsam zu bekämpfen. Das hebt meiner Meinung nach den Stellenwert von Freundschaften in Lebenskrisen hervor. Die Kinder haben sogar den Mut, offen miteinander über ihre Ängste zu sprechen. Die Art und Weise wie sie das tun, erinnert mich echt manchmal an einige Gruppentherapie-Sessions, die ich hatte. „Sich zeigen, in Kontakt gehen und gesehen werden.“ Das waren damals in der Klinik die Worte von meiner Gruppentherapeutin Frau T. Und es beschreibt andererseits aber auch genau die Herangehensweise der Kinder im Film. Auf diese Art und Weise sind sie stark genug, das Böse in Form des Clowns zu bekämpfen. Ich habe mit meinen Ängsten und Depressionen die gleiche Erfahrung gemacht. Doch wenn ich aus Angst vor meinen inneren Dämonen weg renne, alleine bin und meine Ängste meinen kompletten Lebensraum einnehmen, dann ist es ein Teufelskreis, der mich zugrunde richtet.

Und ganz ehrlich gesagt erinnert mich vieles von dem kranken Milieu, in dem der Film spielt, an meine eigene Kindheit: Ausgrenzung, Diskriminierung, Gewalt, Überbehütung…
Ich glaube außerdem, dass der Film ein Plädoyer ist für kindliche Tugenden wie Fantasie, Spiel, Leichtigkeit und intuitives Handeln. Im therapeutischen Kontext spricht man bei diesen Werten häufig vom „Inneren Kind“. Es sind alles Werte, die mir wahnsinnig im Umgang mit meinen Depressionen geholfen haben.
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Fazit

Stephen King hat mal gesagt:

„Ich denke, dass wir alle geisteskrank sind. Diejenigen von uns außerhalb der Irrenhäuser verstecken es nur ein bisschen besser.“

Und so sehe ich das auch. Jede Generation hat so ihre Probleme, mit denen sie zu kämpfen hat. Meine Generation beispielsweise, die Kriegsenkel, leidet noch heute unter den Kriegstraumata der Großeltern. Von daher sollte man nicht leugnen, seine eigenen Dämonen zu haben, sondern sich diesen stellen. Am besten nicht alleine.

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