Wibke Regenberg: vom Burnout-Patienten zum Burnout-Coach [Interview]

Wibke Regenberg
Bildquelle: Wibke Regenberg

Im zweiten Interview für mein Blog hatte ich Wibke Regenberg als Partnerin, um mit ihr über die Berufsfelder zu sprechen, die es im Burnout-Coaching gibt. Wir sprachen auch über ihre Lebensgeschichte und darüber, warum eine Krankheit als Chance zu verstehen ist.

Hallo Wibke. Schön, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Stell dich den Lesern meines Blogs doch mal kurz vor! Was machst du beruflich?
Ich begleite Menschen bei Burnout und in (Lebens-)Krisen. Momentan bin ich als Business-Coach in Firmen unterwegs und begleite Führungskräfte oder Privatpersonen. Zudem biete ich Seminare und Vorträge zum Thema Stressmanagement und Achtsamkeit an und habe die Webseite Hallo-Burnout.de ins Leben gerufen.

Du bezeichnest dich ja des weiteren als „Feelgood-Managerin“. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?
Ja, genau. Das ist ein weiterer Begriff. Ich bin von Hause aus ein systemischer Business-Coach und für mich als Coach hängen die ganzen Begrifflichkeiten zusammen. Insofern habe ich folgende Pfeiler: Stressmanagement, Feelgood-Management, Burnout-Prävention und Achtsamkeit. Beim Thema Feelgood-Management berate ich Unternehmen hinsichtlich eines Betrieblichen Gesundheitsmanagement und entwickle Maßnahmen zur Betrieblichen Gesundheitsförderung. Dabei geht es immer um folgende Fragestellung “Wie bleibt ein Mensch privat und beruflich gesund?”. Da entwickle ich dann zusammen mit den Firmen Konzepte dazu.

Magst du etwas über deinen Werdegang erzählen? Wie kam es dazu, dass du in diesem Bereich jetzt arbeitest? So weit ich weiß, hast du selbst eine Burnout-Erfahrung gemacht, oder?
Genau. Das war anfänglich nicht so geplant, dass ich mal mit Menschen zusammenarbeite und diese hinsichtlich ihrer Prozess- und Persönlichkeitsentwicklung begleite. Ich bin ursprünglich eine gelernte Hotelfachfrau. Ich bin anschließend ins Ausland gegangen, wo ich verschiedenste Jobs hatte. Danach bin ich wieder zurück nach Deutschland gegangen und habe dort für einen Musik-Fernsehsender gearbeitet. Anschließend habe ich “Wirtschaftskommunikation” studiert und hatte schon parallel zum Studium diverse Agentur-Jobs. Nach dem Studium habe ich mich mit einer eigenen Agentur selbstständig gemacht, mit der ich Keynote-Speaker an Unternehmen vermittelt habe. Circa drei Jahre nach der Gründung dieser Agentur habe ich meinen Burnout gehabt. Seitdem sieht mein Leben ein bisschen anders aus. Ein Jahr nach diesem „Crash“ habe ich dann eine Coaching-Ausbildung angefangen, die die Basis meiner jetzigen Arbeit ist.

Also kann man sagen, dass deine persönliche Geschichte letztlich ein großer Beweggrund dafür war, selbst therapeutisch zu arbeiten?
Total. Wobei ich mich als Coach und nicht als Therapeut bezeichne, weil man für letzteres eine spezielle Ausbildung benötigt. Als ich am Anfang mit Führungskräften zusammengearbeitet habe, war es sehr auffällig, dass ich überwiegend Klienten angezogen habe, die auch eine Burnout-Tendenz hatten. Das war mir damals eigentlich alles viel zu nah an meinem eigenen Thema. Zudem hatte ich damals auch nie kommuniziert, dass ich selbst einen Burnout hatte. Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass ich meinen Burnout ruhig annehmen und kommunizieren darf, weil ich diese Erfahrung eh nicht abschütteln kann. Zudem zieht sich in meinem Verständnis häufig Gleiches mit Gleichem an. Da war es dann für mich irgendwann nur noch logisch, meine Burnout-Geschichte nicht mehr länger geheim zu halten, sondern zu kommunizieren – und mit diesem Schritt war die Hallo-Burnout-Seite geboren.

„Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass ich meinen Burnout ruhig annehmen und kommunizieren darf, weil ich diese Erfahrung eh nicht abschütteln kann.“

Erfahrung
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Vielleicht ist das auch gar nicht so schlecht, wenn die Leute das wissen. Denn in gewisser Weise ist es eine Bestätigung deiner Kompetenzen, wenn du sagen kannst, dass du selbst durch die Problematik durchgegangen bist…
Sehe ich heute auch so. Vor ein paar Jahren wollte ich das aber noch nicht so sehen, weil der Coach in mir sagte: „Das hat erstmal nichts mit dir zu tun.“ Deshalb lautete meine Devise damals: “Auf Distanz gehen und souverän wirken”. Diese Haltung hat sich komplett gewandelt, da ich heute einen gestalttherapeutischen Ansatz habe, was für mich unter anderem bedeutet, authentisch mit mir selbst umzugehen.

Du hast jetzt schon angerissen, dass du eine Ausbildung zur Gestalttherapeutin machst. In welchen Bereichen hast du dich denn insgesamt seit dem Burnout weitergebildet, um als Coach arbeiten zu können?
Ich habe mich inzwischen in sehr vielen Bereichen weitergebildet. Es hat mit der systemischen Coaching-Ausbildung angefangen, danach folgte die Achtsamkeitsmeditation, die ich heute noch praktiziere. Danach habe ich eine einjährige Heldenreisen-Leiter-Ausbildung gemacht (die “Heldenreise” ist ein einwöchiges Intensivseminar, das auf Gestalttherapie basiert). Da habe ich neben den ganzheitlichen Methoden wirklich sehr viel gelernt, was zum Beispiel Gruppenprozesse angeht und wie man eine Gruppe begleitet. Das hilft mir heute ungemein, wenn ich Seminare anleite. Außerdem habe ich eine Weiterbildung in gewaltfreier Kommunikation (GFK) gemacht sowie eine Fortbildung zur Burnout-Beraterin und zur Trauma-Arbeit. Das sind alles wichtige Bausteine beim Thema Burnout. Aktuell befinde ich mich in einer mehrjährigen Gestalttherapeuten-Ausbildung und mache nebenbei noch eine Fortbildung zum Betrieblichen Gesundheitsmanager (BGM). Das sind die Bereiche, auf denen meine Arbeit basiert.

Ich habe gelernt, dass „nur der heile Heiler heilt“. Heißt: Nur wenn du selbst hundert Prozent gesund bist, kannst du auch selbst als Coach oder Therapeut arbeiten. Auf der anderen Seite ist es ja so, dass man nie zu hundert Prozent „austherapiert“ ist. Das wirft bei die Frage auf: Wann hast du für dich gespürt, dass du bereit bist, selbst als Coach zu arbeiten?
Dadurch, dass die Coaching-Ausbildung sehr praxisorientiert war, durfte ich gleich mit Klienten üben. In der Ausbildung habe ich mich selbst reflektieren können und kam wieder in Kontakt mit mir selbst. Nach der Coaching-Ausbildung hatte ich einige Aha-Erlebnisse. Ich wusste, wer ich bin und spürte mich wieder. Ich hatte eine Idee bekommen, was Gedanken und Gefühle sind und wie sie sich körperlich manifestieren und ausdrücken. Ich hatte also einen Methoden-Koffer an die Hand bekommen, der mich selbst stabilisiert hat und mich gleichzeitig dazu befähigt hat, mit Klienten zusammenzuarbeiten. Insofern war ich nach der Coachingausbildung bereit – und stabil genug – um Menschen zu begleiten.

„Methode“ ist ein gutes Stichwort. Du arbeitest ja mit der LESA®-Methode. Was genau ist das und wie funktioniert diese Methode?
LESA® ist die Abkürzung für Lebenssäulen. Als ich damals aus der Klinik nach Hause kam, habe ich mich zu Hause ans Flipchart gestellt und mich gefragt, welche “Baustellen” ich jetzt habe. Denn mein Leben war damals komplett aus den Fugen geraten. Dann kamen so Ideen wie Job, Geld, neue Freunde, Gesundheit, Freizeit. Das waren damals ziemlich viele “Baustellen”, die ich da entwickelt habe. Das waren am Anfang erstmal fünf, dann kamen noch zwei dazu – nämlich “Werte” und “Lebensentwurf”. Die LESA®-Methode beruht auf der Annahme, dass unser Leben auf diesen sieben Säulen basiert. Außer den Säulen gibt es noch ein Fundament (“Bewusstheit über das eigene Muster” und “Achtsamkeit”). Die erste Säule ist die “Job-und-Anerkennungs-Säule”; das heißt, wir brauchen alle eine Aufgabe, mit der wir uns beschäftigen und die für uns sinnstiftend ist. Also so etwas wie Beruf und Berufung. Dann gibt es die zweite Säule „Geld und materielle Güter“. Auch das brauchen wir, die Frage ist nur wieviel. Ich habe nämlich bei vielen Klienten festgestellt, dass sie diesen ersten beiden Säulen unheimlich viel Gewicht geben. Dadurch sind viele Menschen in einem Hamsterrad drin. Die leben nach dem Motto: Ich arbeite, weil ich Geld brauche, um mir die Sachen kaufen zu können, die mich glücklich machen. Da ist es ratsam, mal hinzuschauen, wie viel man denn wirklich benötigt und zu hinterfragen, ob man wirklich den Job hat, der einen glücklich macht. Die dritte Säule ist das “soziale Umfeld”. Da ist bei meinem „Crash“ ganz viel passiert – nämlich eine Trennung, aber auch neue Freundschaften. Die vierte Säule ist die “Gesundheits-Säule”. Und Gesundheit ist in meinem Verständnis mehr als nur gesunde Ernährung oder beispielsweise nicht zu rauchen. Denn für mich fängt Gesundheit schon im Kopf an – mit den Gedanken. Die nächste Säule ist die “Freizeit-Säule”, wovon ich nach meinem Burnout ganz viel hatte. Allerdings konnte ich sie nicht nutzen, weil ich nicht wusste, womit ich mich beschäftigen sollte. Mit der Zeit habe ich für mich etwas wiederentdeckt, was ich in der Kindheit schon gemacht habe – nämlich Tanzen. Das gibt mir heute ganz viel Kraft. Die sechste Säule sind die eigenen “Werte”. Das habe ich in der Coaching-Ausbildung kennengelernt. Es ist wichtig, die eigenen Werte zu kennen, weil das stark mit den anderen Säulen zusammenhängt, da diese in Wechselwirkungen miteinander stehen. Die siebte Säule nenne ich „Lebensentwurf“. Diese beinhaltet zum Beispiel Fragen zum Thema Wohnen und Partnerschaft: Will ich in der Stadt oder auf dem Land leben? Will ich verheiratet sein? Will ich in einer Partnerschaft leben? Will ich Kinder haben etc.? Die LESA®-Methode ist ein Modell, das den Klienten dabei helfen soll, zu erkennen, welche Säulen es gibt und welchen Stellenwert man ihnen zumisst. Dabei ist es wichtig, dass die Säulen gut ausbalanciert sind. Allerdings reicht das Wissen über die Säulen alleine nicht aus. Wie ich vorhin erwähnt habe, gibt es auch noch ein Fundament, was aus zwei Teilen besteht. Das ist zum einen die “Bewusstheit des eigenen Verhaltensmusters” und auf der anderen Seite die “Achtsamkeit”, dass ich in diesem Muster gerade drin bin. Wenn ich die Achtsamkeit dafür nicht habe, kann ich in meinem Leben nichts verändern und auch nicht die Säulen ausbalancieren. Dafür braucht es die Achtsamkeit.

„Wir brauchen alle eine Aufgabe, mit der wir uns beschäftigen und die für uns sinnstiftend ist.“

Sinn stiften
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Da du ja sehr viel mit Unternehmen in Bezug auf Burnout arbeitest: Wie erlebst du dort das Thema? Hast du das Gefühl, da rollt grad eine riesige Welle auf uns zu? Oder hat da auch schon ein Umdenkprozess stattgefunden, was dieses Leistungsdenken angeht?
Zunächst einmal nehme ich ein anderes Wording, wenn ich mit Unternehmen zusammenarbeite. Da nehme ich das Wort „Burnout“ nicht in den Mund, sondern das Ganze läuft bei mir unter „Stressmanagement“. Da das Wort „Burnout“ im Business-Kontext ein Tabu ist, würde wahrscheinlich auch gar keiner zur „Burnout-Prävention“ kommen. Dies würde ja bedeuten, sich zu outen, eine Burnout-Tendenz zu haben. Außerdem ist mein Eindruck, dass viele Unternehmen Bedenken haben, eine Veranstaltung mit „Burnout“ zu betiteln, da die Befürchtung ist, dass danach alle Teilnehmer einen Burnout haben. Was natürlich Quatsch ist. Deshalb läuft mein Angebot bei Firmen unter „Stressmanagement“. Allerdings erlebe ich das durchaus so, dass einige Mitarbeiter, die zu meinen Seminaren kommen, ein erhöhtes Stresslevel haben. Ich finde es schön, dass Unternehmen diese Seminare anbieten, weil sie wissen: „Wir müssen da was tun!“ Denn die Krankmeldungen wegen Stress und psychischen Erkrankungen sind in den letzten Jahren enorm gestiegen. Die Unternehmen sind sich durchaus bewusst, dass psychische Erkrankungen wahnsinnig viel kosten, da die Mitarbeiter überdurchschnittlich lange krankgeschrieben sind und dementsprechend ausfallen. Ich finde es gut, dass in den meisten Unternehmen die Bewusstheit für psychische Gesundheit bzw. Präventionsmaßnahmen da ist. Auch wenn ich der Meinung bin, dass sowohl von Arbeitgeber- als auch Arbeitnehmerseite häufig zu spät gehandelt wird, sodass ich das Wort „Prävention“ nicht ganz so stimmig finde. Auch das Wort „Krankheit“ finde ich persönlich nicht so glücklich gewählt…

„Ich finde es schön, dass Unternehmen diese Seminare anbieten, weil sie wissen: „Wir müssen da was tun!“ Denn die Krankmeldungen wegen Stress und psychischen Erkrankungen sind in den letzten Jahren enorm gestiegen.“

Seminar
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Das leitet perfekt über zu meiner Abschlussfrage: Was ist Krankheit? Ist die Krankheit ein Freund?
Nein, nicht ganz. Ich würde sagen: Dein Körper ist dein Freund. Denn wenn dein Körper dir Signale gibt in Form von bestimmten Symptomen, dann tut er das, weil er dir gerade ein Zeichen gibt, dass du gerade nicht gut für dich selbst sorgst. Wenn man dies zu lange ignoriert, entwickelt sich daraus eine Krankheit. Und deshalb würde ich sagen: Krankheit ist eine Chance.

Du unterscheidest also nochmal zwischen Krankheit und Symptomen…
Ja. Ein Burnout ist ja ein schleichender Prozess, der sich oftmals über Monate oder Jahre hinweg ankündigt. Wenn ich jetzt Rücken-, Kopf- oder Bauchschmerzen habe, dann sind das erstmal nur Symptome. Wenn du damit zum Arzt gehst, findet der bei “Burnout” in den meisten Fällen nichts Organisches. Das ist meine Erfahrung. Deshalb weiß der Schulmediziner, der nicht ganzheitlich arbeitet, auch häufig nicht, was es ist und gibt dir erst einmal Schmerzmittel oder ähnliches mit. Doch dadurch verschleppst du das Ganze ja nur. Daraus kann sich dann in meinem Verständnis auf lange Sicht eine Krankheit entwickeln. Denn irgendwann manifestiert sich das so stark im Körper, dass daraus eine Krankheit wird. Und deshalb würde ich sagen, dass Krankheit eine Chance ist. Eine Chance für eine Veränderung.

Wow! Was für ein schönes Schlusswort! Ich danke dir für dieses Interview. Es war sehr interessant – sowohl für mich selbst und als auch im Hinblick auf meine Leser.

Weitere Informationen zu Wibke Regenberg und ihren Angeboten finden sich auf ihrer Webseite www.wibke-regenberg.com.

Der Krisenwandler ist auch auf Facebook und bei Twitter sowie Instagram zu finden.

 

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