Mein Leben

Wie liebt man richtig?

Wachsfiguren

Ich habe neulich in der Therapie mal wieder eines meiner essentiellen Probleme feststellen müssen: Ich habe Angst, dass ich nicht in der Lage bin zu lieben. Mich und andere Menschen. Das Phänomen überrascht mich deshalb, weil ich doch eigentlich so gut darin bin ins Gefühl zu gehen. Ich kann lachen, weinen, wüten und mich an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen. Aber warum gelingt es mir nicht, zu lieben? Ich frage mich, wie es geht, Liebe zu empfinden und wie man es lernen kann.

Zunächst bin ich ziemlich niedergeschlagen, weil ich befürchte, es nie lernen zu können. Doch dann besinne ich mich und erinnere mich, dass diese Thematik schon lange existiert und dass ich daran schon gearbeitet habe. Also bin ich wohl doch nicht mehr am Anfang, sondern ein paar Schritte weiter.

Das erste Mal wurde ich mit dem Phänomen 2015 in der psychosomatischen Klinik konfrontiert. Es war Dienstag. Gruppentherapie. Geleitet von Frau T, einer Therapeutin, die sehr körperorientiert arbeitet. An jenem Tag waren meine Probleme das Thema in der Gruppe und Frau T sagte, sie wolle gerne etwas ausprobieren. Sie legte ihre Hand auf meinen Rücken und meinte, ich solle einfach nur ihre Liebe annehmen. „Einfach“ war gut gesagt. Ich wusste gar nicht, wie das funktionierte und was ich tun sollte außer sitzen. Ich muss wohl wahnsinnig verspannt gewesen sein. Sie brach dann irgendwann ab und sagte: „Vielleicht probieren wir es ein anderes Mal erneut. Vielleicht sind Sie dann soweit…“ Ich wunderte mich, dass sie es gespürt hat und fragte mich fortwährend, was ich hätte anders machen können und wie es denn nun funktioniere. Wie liebt man richtig?

Zugegebenermaßen habe ich längst noch nicht ausgelernt, aber ein paar Erfahrungen habe ich schon gemacht. Ich bin nach einigen Selbstexperimenten und Kuschelparties zumindest sehr viel weiter als damals. Das muss ich mir vor Augen führen. Auch wenn ich momentan vielleicht das Gefühl habe, bei null zu stehen. Was also habe ich für Erkenntnisse und Erleuchtungen gehabt in der Zwischenzeit? OK, es wird nun etwas philosophisch, aber drei wesentliche Erkenntnisse habe ich gewinnen können:
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1. Lieben ist ein iterativer Prozess

Iterativ? Was ist das denn nun schon wieder für ein komisches lateinisches Wort? Nun, es bedeutet auf deutsch nichts anderes als ’spiralförmig‘ oder ’sich wiederholend‘. Es ist nicht so, dass man erst Schritt eins macht und dann Schritt zwei und drei und fertig. Alle Schritte beim Praktizieren von Liebe bauen aufeinander auf. Bevor ich liebe geben kann, muss ich erstmal lernen, wie man sie annimmt. Aber um Liebe anzunehmen, muss ich es mir überhaupt Wert sein. Also muss ich mich erstmal selbst lieben lernen. Meist versuchen wir aber, andere mehr zu lieben als uns selbst. Deshalb sollten wir hier zumindest mal anfangen: sich selbst das zugestehen, was wir anderen Mitmenschen geben. Das ist der gesunde Egoismus – von Fachleuten auch Selbstliebe genannt. Dann sind wir in der Lage, die Liebe der anderen auch anzunehmen und uns von ihnen abzuschauen, wie man Liebe gibt. Dann kommt irgendwann der Punkt, wo wir es auch mal mit dem Geben ausprobieren wollen. Und wenn wir genug gegeben haben, sollten wir uns wieder uns selbst widmen, womit wir wieder bei Schritt eins angekommen wären. So durchlaufen wir den Zyklus immer und immer wieder von Neuem, aber sind bei jedem neuen Durchgang auf einem höheren Level, was unsere Fähigkeiten angeht. Wir haben einen höheren Erkenntnisstand.
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2. Lieben ist wie Fahrradfahren

Lernen zu lieben ist wie das Erlernen von Fahrradfahren. Man lernt es dadurch, dass man es tut. Das klingt zunächst paradox, aber keiner von uns hat ein theoretisches Handbuch gelesen, bevor er das erste Mal aufs Rad gestiegen ist. Wir haben es einfach ausprobiert und sind gleich in den praktischen Teil übergegangen. Und sind dann erstmal auf die Schnauze gefallen, um dann wieder aufzustehen und es erneut zu probieren. Was mich direkt zu Punkt drei führt…
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3. (Selbst-)Liebe ist erstmal nur temporär

Wir können drei Meter auf dem Rad fahren, fühlen uns toll und stürzen dann doch. Genauso war es bei mir im Dezember 2015, als ich glaubte, nun habe ich endlich Selbstliebe gelernt. Die Fähigkeit und das Gefühl waren ganz schnell wieder verflogen. Aber es einmal gespürt zu haben und zu wissen, dass es möglich ist, hat mich angespornt, es wieder zu entdecken. Und als ich Selbstliebe dann das nächste Mal spürte, hielt es länger und intensiver als beim ersten Mal. Und so wächst dieses Gefühl und die Fähigkeit von Mal zu Mal.

Einerseits bin ich frustriert in den Phasen, in denen es nicht funktioniert. Andererseits habe ich mich auch schon dabei erwischt, dass ich diese Harmonie von Liebe nur eine gewisse Zeit lang ertrage.
Und hier liegt auch die Lösung für mein aktuelles Problem. Ich bin zur Zeit in einer Phase, in der ich temporär keine Liebe empfinden kann. Aber ich weiß, dass ich es schon einmal konnte. Und so bleibe ich geduldig und erlaube mir selbst, mir die Zeit zu nehmen, die ich brauche. Im Vertrauen, dass meine Fähigkeit zu lieben wieder kommt. Und zwar stärker und länger als zuvor. Fühlt sich gut an!

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