Wie Mertesacker uns auf ein gesellschaftliches Problem hinweist

Mertesacker
Bildquelle: pixabay.com

Vor kurzem hat Fußballer Per Mertesacker (FC Arsenal London) ein bemerkenswertes Interview mit dem Spiegel gegeben, in dem er den Profifußball und seine Mechanismen scharf kritisiert. Während viele Experten und ehemalige Profis mit Unverständnis reagierten, bin ich schwer beeindruckt von seinem Mut. Denn es geht bei dieser Thematik um viel mehr als nur um Fußball.

Ich möchte gerne bestimmte Aussagen von Mertesacker aufgreifen und beleuchten.
Dass er davon berichtet, dass sein Körper mit Brechreiz und Durchfall auf den Druck vor manchen Spielen reagiert habe, löst bei mir ein Déjà-Vu aus, da dies auch die klassischen Symptome sind, wie mein Körper auf Überlastung reagiert. Mertesacker beschreibt, dass er diese Anzeichen seines Körpers auf dem Platz vor Zuschauern und Kameras geheim gehalten habe, indem er sich weggedreht habe. Ich kann in diesem Punkt voll mit ihm fühlen, denn ich weiß, dass es nicht gern gesehen wird, wenn man als Mann sensibel ist. Allerdings ist das eine Tatsache, die mich ziemlich traurig macht und wo ich auch finde, dass wir unsere gesellschaftlichen Werte überdenken sollten. Wir leben leider in einer Leistungsgesellschaft, in der man zu funktionieren hat…
Dann beschreibt Mertesacker die Bedeutung von Verletzungen in seiner Karriere. Dass er dankbar sei, wenn er verletzungsbedingt eine Auszeit nehmen durfte. Er wählt dabei sehr weise Worte:

„Wenn ich nicht mehr konnte, war ich verletzt. So war es immer. Ich behaupte sogar, dass viele Verletzungen psychisch bedingt sind. Dass der Körper der Seele damit zur Ruhe verhilft. Aber das hinterfragt niemand.“

Doch genau das möchte ich jetzt tun – hinterfragen. Ich bin aufgrund meiner eigenen Erfahrungen fest davon überzeugt, dass er damit Recht hat. Mich hat der dauerhafte Stress ebenfalls chronisch krank gemacht. Mittlerweile weiß ich genau, dass wenn ich einen Infekt bekomme, es ein Zeichen meines Körpers ist, dass etwas in meinem Leben gerade verkehrt läuft und ich etwas ändern muss. Meist geht es dabei darum, liebevoller mit mir selbst zu sein und mir nicht zu viel zuzumuten. Das Ironische ist nämlich: Ich muss mir erst eine Erkältung einfangen, um mich vor mir selbst nicht rechtfertigen zu müssen, dass jetzt eine Auszeit angesagt ist. Erst wenn ich krank bin, entspanne ich auf der Couch, gönne mir ein heißes Bad, trinke einen Tee und genieße es nichts zu tun, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Und ich behaupte einfach mal, dass es vielen anderen genauso geht. Ist das nicht eigentlich krank? Ein System, das solch eine innere Einstellung fördert und kultiviert?
Denn wenn Mertesacker davon spricht, dass alles nur eine Belastung sei und „null Spaß“ mache, spricht er bestimmt tausenden Menschen aus der Seele, was ihre Beziehung zu ihrem Job anbelangt. Er spricht davon, rauszukommen „aus der Mühle“. Eine perfekte Beschreibung, die nicht nur das Fußballgeschäft, sondern auch die Arbeitswelt auf den Punkt trifft. Und ich weiß, wovon ich rede. Mein Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik und diverse Psychotherapien haben mir gezeigt, dass immer mehr Menschen durch das System krank werden. Eine beängstigende Tendenz. Mertesacker sagt, er könne nach seiner Karriere endlich frei sein, auch wenn sein Körper „einfach durch“ sei. Auch hier wieder der Vergleich zur normalen Arbeitswelt: Viele Menschen werden ebenfalls erst dann frei sein, wenn sie in Rente sind.
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Wann fängt endlich das Umdenken an?

Für mich scheint es, als habe kein Umdenken in der Gesellschaft seit dem Fall Enke stattgefunden. Wir sollten endlich anfangen, zu hinterfragen. Wie schön dass der Fußball uns immer wieder einen Spiegel vorhält. Ich finde, er ist ein überspitztes Spiegelbild unserer Gesellschaft und wir haben zwei Möglichkeiten: hinsehen oder wegsehen. Aber Hinsehen bedeutet auch, festzustellen dass hier etwas schrecklich verkehrt läuft. Und wir sollten langsam mal anfangen, zu überlegen, wie wir das ändern können. Denn so kann es nicht weitergehen.

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