Mein Leben

Wieviel Offenheit ist erlaubt? II

gestreckte Hände

Ich habe letztes Jahr schon mal einen Artikel über Offenheit geschrieben. Allerdings bezog sich dieser mehr auf das Schreiben und wie offen die Texte auf meinem Blog sein sollen. Im realen Leben ist das so ein bisschen ambivalent. Einerseits hilft Offenheit dabei, authentisch zu sein, was etwas ist, wonach wir alle streben. Andererseits kann man Leute auch ganz schön vor den Kopf stoßen, wenn man immer ehrlich ist. Deshalb sind Lügen sozial manchmal besser verträglich.
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Offenheit beim Date

Ich hatte in meinem letzten Text ja schon angekündigt, noch die Antwort auf die Frage zu liefern, wieviel von meiner Lebensgeschichte und meiner Krankheit ich gegenüber einer mir unbekannten Frau beim ersten Date erzähle. Zur Erinnerung: die Kurzversion meiner Lebensgeschichte ist, dass ich zwar mein Studium beendet habe, aber seitdem mit meiner Burnout-Erkrankung zu kämpfen habe und mich in Therapie befinde und momentan nur ca 15 Stunden die Woche arbeiten kann kräftemäßig. Und dass ich Hartz IV beziehe. Tatsächlich erzählt habe ich gestern aber etwas anderes. Nämlich, dass ich mein Studium zwar abgeschlossen habe, aber keinen Job in meinem ursprünglichen Bereich gefunden habe, sodass ich mich mit einem Kellnerjob über Wasser halte. Im Grunde genommen habe ich damit auch gar nicht gelogen. Es ist nur so, dass ich damit sehr viele Informationen zurückgehalten habe. Und diese kann ich dann liefern, wenn ich einer Person vollkommen vertraue. Ich glaube, das werde ich in Zukunft immer so machen, wenn ich neuen Leuten begegne und ihnen über mich erzähle.
Viel spannender ist aber, was nach dem Date passierte.
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Offenheit im Job

Dazu muss ich zunächst sagen, dass das Date in dem Café stattfand, in dem ich arbeite. Von daher musste ich meinen Kollegen nach dem Date Rede und Antwort stehen. Was jedoch sehr lustig war, da wir uns sehr angeregt unterhielten. Generell hatte ich mich nie zuvor so lange und so ausgiebig mit meinen Kollegen unterhalten. Das Beste aber war, dass meine Kollegin Annemarie (*Name geändert) mir so ganz nebenbei ihre Lebensgeschichte steckte. Sie erzählte mir, wie sie fast den Job an den Nagel gehängt hätte, weil sie es einfach nicht mehr geschafft hat. Ich dachte mir: „Ausgerechnet Annemarie, die doch die ausgeflippteste und lockerste überhaupt hier ist…“ Aber dem nicht genug gab sie mir auch noch ein Kompliment für meine persönliche Entwicklung, die ich durch die Arbeit seit einem halben Jahr durchlaufen habe. Es war, als hätte ich eine Verbündete gefunden…

An diesem Abend hatte ich ein unheimlich gutes Gefühl. Es war das Gefühl, zum ersten Mal richtig dazuzugehören auf der Arbeit. Ich bin mittlerweile fest davon überzeugt, dass das Gefühl von Zugehörigkeit der größte natürliche Feind einer Depression ist.

Das Spannende war auch, dass Annemarie mir sagte, sie hätte ihre Lebensgeschichte ebenfalls dem Chef erzählt. Das warf bei mir die Frage auf, ob ich das selbe tun sollte. Logischerweise habe ich dies beim Einstieg in meinem Bewerbungsgespräch nicht getan. Denn es wäre schon ein bisschen komisch gekommen, über sich selbst zu erzählen: „Hi, ich bin der Didi, leide an einer Burnout-Depression und bin ständig erschöpft. Außerdem habe ich gewisse Tendenzen, mich selbst auszugrenzen. Aber ich würde gerne bei Ihnen als Kellner arbeiten.“ Der Chef hätte mir wohl den Vogel gezeigt.
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Ausblick

Wie es jetzt weiter geht, ist im wahrsten Sinne des Wortes vollkommen offen. Das alles hat mir den Mut gegeben, in Zukunft offener zu sein. Auf welche Art und Weise und wie schnell ich das umsetzen werde, steht auf einem anderen Blatt. Aber ich bin selbst sehr gespannt, was die Zukunft bringen wird.

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